Linke Indifferenz
Warum verraten so viele Linke permanent ihre eigenen Ideale? Weil sie ihren moralischen Kompass verloren haben, meint der britische Journalist Nick Cohen:
Der Islamismus widerspricht allem, woran die Linke glauben müsste. Aber die Linke läuft Amok. Nehmen sie den Irak. Wäre es heute nicht an der Zeit, dass die europäischen Regierungen, die gegen den Krieg waren, sich für das irakische Volk engagieren? Dass gerade die Linke, die doch gegen den Krieg war, sich für die Menschen im Irak einsetzt, die von Islamisten und Terroristen bedroht werden? Aber dazu sind sie nicht in der Lage, weil sie sich aus tiefstem Herzen nur eins wünschen: dass die Amerikaner scheitern.
Eine Unterstützung für die fortschrittlichen Bewegungen wird dem Antiimperialismus geopfert. Dasselbe Phänomen gibt es natürlich auch in Deutschland. Die Kritik Cohens, selbst ein Linker, zielt in dieselbe Richtung wie die eines anderen linken Kritikers, Danny Postel, der in seinem Buch Reading Legitimation Crisis in Tehran dieselbe Ignoranz gegenüber dem Iran beklagt:
(…) the Western left has been largely silent—and flummoxed—about the liberal upheaval in Iran. (…) This silence has not gone unnoticed by Iranian dissidents. In hundreds of conversations I´ve had with Iranian intellectuals, journalists, and human rights activists in recent years, I invariably encounter exasperation: Why, they ask, is the American Left so seemingly indifferent to the struggle taking place in Iran? (…) Why is it mainly neoconservatives who express interest in the Iranian struggle?
Wir dürfen schlussfolgern: Den meisten Linken sind die Menschen egal. Ich persönlich habe diesen Eindruck seit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen im Irak 2003 gewonnen. Hatte ich vorher geglaubt, mit den Pazifisten, mit denen ich mich so häufig gestritten hatte, doch immerhin dieselben grundsätzlichen Werte zu teilen, wurde ich mit dem Sturz des Baath-Regimes bald eines besseren belehrt. Den meisten Diskutanten ging es nur darum, die Amerikaner im Irak scheitern zu sehen. Dasselbe gilt für den Iran.
Wahrhaft prophetisch schrieb der Exiliraker Najem Wali schon 2003 in der “Zeit”:
–––Die meisten Gegner der amerikanischen und britischen Präsenz im Irak sind nicht erst angesichts der Entwicklung seit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in Bagdad am 9. April zu dieser Haltung gekommen. Ihre Argumente gründen entweder auf einer prinzipiellen Antikriegshaltung oder auf der Überzeugung, die gewaltsame Beseitigung eines diktatorischen Systems wie das Saddam Husseins sei illegitim. Die Diskussion über die Zukunft des Iraks wird deshalb auch in Deutschland zumeist nicht auf der Basis von Kenntnissen über die aktuellen Verhältnisse in diesem Land geführt.
