Pathologie des Antikapitalismus
Was denkt man eigentlich bei den Grünen so über die Globalisierung?, fragte sich die FAZ und bat Ex-Bundesumweltminister Jürgen Trittin um eine Stellungnahme:
Globalisierung macht reich - man schaue nach Schanghai, Mumbai oder in reiche Wohngegenden hierzulande. Globalisierung macht relativ arm - man denke an die ausgeschlossenen Globalisierungsverlierer in den Unterschichten der westlichen Gesellschaften. Globalisierung macht absolut arm - mehr als eine Milliarde Menschen müssen mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen.
Als K-Grüppler haben sie das Elend des Kommunismus nicht wahrhaben wollen, als Realos schreiben sie die Armut der Globalisierung zu. Dass die Frage nach Ursache und Wirkung bei den Grünen nicht sehr populär ist, zeigt auch diese Äusserung:
Natürlich bedarf es eines Mindestlohns in Deutschland. Auch das ist eine Folge der Globalisierung, denn Gewerkschaften können heute die Absicherung der Lohnstandards nicht mehr leisten. Deshalb gibt es in zwölf der fünfzehn alten EU-Mitgliedstaaten heute Mindestlöhne - und deshalb fehlt es in Deutschland heute an Spargelstechern, an Erdbeer- und Traubenpflückern. Diese wandern weiter, dorthin in der EU, wo sie mehr verdienen.
Wenn es an Spargelstechern, an Erdbeer- und Traubenpflückern fehlt, warum zahlen Spargel-, Erdbeer- und Traubenbauern nicht freiwillig höhere Löhne, solange sie damit immer noch einen Gewinn erwirtschaften können? Und können sie das nicht, was soll dann ein Mindestlohn bringen? Warum um alles in der Welt ist das überhaupt Trittins Problem? Von den weiteren Ungereimtheiten will ich mich auf eine einzige beschränken:
Der Spott über Kurt Becks Neoliberalismus-Vorwurf gegenüber Bundeskanzlerin Merkel in den Seiten dieser Zeitung drückt die wütende Enttäuschung der Wirtschaftseliten über das Ende ihrer Meinungshegemonie aus. Aber so ist es: Die Zeiten des Marktradikalismus sind vorbei, Sabine Christiansen sendet nicht mehr.
Es geht ein Gespenst um in Deutschland, das Gespenst des Neoliberalismus. Leider hat es noch keiner gesichtet. In Deutschland wünschen gerade einmal 6% der Bevölkerung eine reine Marktwirtschaft (via Kapitalismus-Magazin). Die Meinungshegemonie ist genauso halluziniert wie die durch die Globalisierung herbeigeführte Armut. Einen Marktradikalismus gibt es in Deutschland nicht. Dass wir überhaupt eine Marktwirtschaft haben, liegt daran, dass ihre Gegner selten leben, was sie selber predigen.
Dennoch hören wir einen Abgesang nach dem anderen auf die Marktwirtschaft. „Die Blätter des Neoliberalismus fallen”, hatte schon 2005 Norbert Blüm verkündet. Der Grund aber, warum die Ansicht, dass die Welt vom Neoliberalismus beherrscht, dieser jedoch abgewirtschaftet habe, unausrottbar scheint, liegt darin, dass der Murks, den der Etatismus verursacht, stets dem Liberalismus in die Schuhe geschoben wird. Denn “[d]ie Pathologie des Antikapitalismus gebiert (…) aus sich selbst heraus immer mehr und immer noch grösseren Antikapitalismus” (Baader 2002:155). Trittins Äusserungen werden nicht die letzten ihrer Art sein.
—
Siehe auch:
• Amerikanische Verhältnisse, 24. Oktober 2005,
• Japanische Verhältnisse, 9. Oktober 2005.
Ähnliche Beiträge:
Comments
One Response to “Pathologie des Antikapitalismus”
Leave a Reply
You must be logged in to post a comment.





































Sehr guter Beitrag!
Das ganze Sommertheater um den angeblich grassierenden “Neoliberalismus” (bei der CDU! *michtotlach*) ist wirklich eine Gespensterdebatte. Und ich betone: Ich bin_nicht_neoliberal sondern ein alter, unverbesserlicher Anhänger des reinen laissez-faire-Prinzips, von dem sich die “neoliberale” Freiburger Schule (Eucken, Röpke etc) ja gerade abgrenzt.