Urbanisierung und Fortschritt

Wednesday, July 11, 2007
Von Michael Kreutz

Ein heikles Thema schneidet Dilek Zaptcioglu auf “Spiegel Online” an:

Laut jüngster Polizeistatistik wird in der Türkei alle drei Minuten eine Frau geschlagen oder misshandelt. Die Zahl der weiblichen Opfer ist um 76 Prozent auf rund 73.000 gestiegen. Oft bleibt den Frauen nur die Wahl zwischen Selbstmord – und Mord.

(…) Die Untersuchung umfasst den Zeitraum 2005 und 2006. Demnach wird in der Türkei alle drei Minuten eine Frau geschlagen oder misshandelt. Insgesamt registrierte die Polizei in den beiden Jahren mehr als 333.000 “mit Gewalt verbundene Straftaten” gegen Frauen.

Allein im vergangenen Jahr wurden 842 Frauen getötet. Stark zugenommen haben die “Selbstmordversuche”, zu denen Frauen aus Gründen der Familienehre gedrängt werden – auch ihr Onkel hatte Güldünya zuerst einen Strick gegeben, damit sie sich selbst aufhängt. Mit 5852 Fällen im Jahr 2006 hat sich die Zahl der Selbstmordversuche von Frauen und Mädchen im Vergleich zum Vorjahr ungefähr verdoppelt.

Interessant ist dabei weniger, dass das Ausmass der Gewalt gegen Frauen augenscheinlich sehr viel höher ist als im europäischen Durchschnitt (exakte Zahlen fehlen leider), sondern vielmehr dass in der Türkei Ehrenmorde und Gewalt offenbar typisch für ein bestimmtes Milieu sind, nämlich das des dörflich-südostanatolischen. Dem gegenüber steht eine städtische Gesellschaft, die dieses Problem medial aufgreift, um es zu bekämpfen.

Die innergesellschaftliche Dynamik der türkischen Gesellschaft lässt also hoffen, dass dieses hohe Mass an Gewalt zurückgeschraubt werden kann. Selbst eine scheinbar so fest in rigide Normen der Religion gegossene Gesellschaft wie die saudi-arabische zeigt offenbar Bewegung auf diesem Gebiet. So weist Prinzessin Dima Bint Turki Bin Abdul Aziz überzeugend auf die gewandelte Stellung der Frau im Königreich hin. Demnach waren im Jahre 2005 56% der saudischen Universitätsabsolventen Frauen, ebenso 31% aller Manager und 40% der Ärzte. Über Gewalt gegen Frauen sagt das freilich direkt nichts aus, aber indirekt vielleicht doch:

The demographics of Saudi society have changed. Migration from rural to urban areas has affected the extent to which traditional extended family units are able to control their members. Combine this with the emergence of a large and educated female population and we can understand how men’s power to dominate women as they did in pervious generations has diminished.

Man darf gespannt sein, wohin diese Entwicklung nicht nur in Saudi-Arabien noch führen wird.


Siehe auch:
Ehrenmorde in dörflichen Gemeinschaften Syriens, 15. Januar 2007,
Arabische Frauenpower, 20. Dezember 2006,
Einsicht, 29. November 2006,
Balkan-Familie, 18. September 2006,
Geschlagene Saudis, 24. August 2006,
Die heile islamische Familie…, 26. Mai 2006,
Namus, 25. April 2006,
Bahreinische Studie über häusliche Gewalt, 21. März 2006,
Ein Vorurteil weniger?, 15. März 2006,
Starke Frauen für die Welt, 13. Oktober 2005,
Saudische Frauenbewegung, 13. Juli 2005.

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