Achtungserfolg für einen “Antitürken”
Am Sonntag gelang Ufuk Uras im 1. Wahlbezirk von Istanbul der Sprung in die türkische Nationalversammlung. Er trat dort als unabhängiger Kandidat an, um die Zehnprozenthürde zu umgehen, die seine “Partei für Freiheit und Solidarität” (ÖDP) zur Bedeutungslosigkeit verurteilt hätte. “Antitürken” nenne ich ihn hier nicht nur, weil ihn manche seiner Gegner so titulieren. Vielmehr steht er für eine politische Richtung, die man ein bisschen mit den hiesigen “Antideutschen” vergleichen kann. Das heißt sie glauben immer noch an ein sozialistisches Wolkenkuckucksheim, zugleich treten sie jedoch entschieden dagegen ein, dass individuelle Rechte auf dem Altar von Sozialismus und Antiimperlialismus geopfert werden.
Diese Strömung geht auf Intellektuelle zurück, die nach dem Militärputsch von 1980 ihre marxistischen Dogmen überdachten. Viel wichtiger als in der Parteipolitik ist diese Strömung in den Medien und im Kulturbetrieb. Ihr führender Vertreter Murat Belge leitet den Verlag İletişim, in dem neben den interessantesten geistes- und sozialwissenschaftlichen Büchern die Romane von Orhan Pamuk erscheinen. Dort und in der Zeitschrift “Birikim” haben gerade sie die interessanten geschichtspolitischen Debatten des letzten Jahrzehnts angestoßen. Zu Wort melden sich Vertreter dieser Richtung auch in der Tageszeitung “Radikal“, die zum selben Konzern gehört wie das nationalistische Masssenblatt “Hürriyet”.
Da sich die Gefahr, dass er die Türkei mit der 0-Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich ruiniert, in Grenzen hält, er aber so manche interessante Debatte anstoßen könnte, wünsche ich ihm viel Erfolg im Parlament!
Berichte über seinen Wahlkampf: TAZ, Welt.
–––Ähnliche Beiträge:
- Marshallplan, September 30, 2005 | By Michael Kreutz
- Ein positives Vorurteil weniger, January 26, 2007 | By Martin Riexinger
- “Krasser Antisemitismus”, April 19, 2006 | By Michael Kreutz
- Israelische Linke vs. europäische Linke, March 30, 2006 | By Michael Kreutz
- Ches türkische Verehrer, October 16, 2007 | By Martin Riexinger
- Hitlers DNA, August 30, 2010 | By Michael Kreutz
- Zuglektüre, August 3, 2006 | By Martin Riexinger
- Sine ira et studio, April 7, 2006 | By Michael Kreutz


Ich bedauere es, das Baskin Oran nicht reingewählt wurde.
In der Jungle-World gibt es einen Artikel u.a auch über ihn:
http://jungle-world.com/seiten/2007/29/10260.php
Ich finde die Bezeichnung “Antitürke” im Hinblick auf “Antideutsche” interessant, inwiefern sehen sie denn Ähnlichkeiten?
Sowie ich Uras kennengelernt habe, ist er nicht gerade ein sehr Amerikafreundlicher Typ, aber auch kein Dogmatiker wie viele seiner Genossen.
> inwiefern sehen sie denn Ähnlichkeiten?
Mit Blick auf die entscheidene Ablehnung des Nationalismus einerseits und das Festhalten am Sozialismus andererseits.
Teilweise wird diese Affinität von den “Antideutschen” ja erkannt.
Danke im Übrigen, dass Sie mir den Hinweis auf Oran abgenommen haben!
Das heißt sie glauben immer noch an ein sozialistisches Wolkenkuckucksheim, zugleich treten sie jedoch entschieden dagegen ein, dass individuelle Rechte auf dem Altar von Sozialismus und Antiimperlialismus geopfert werden.
Also ich finde nicht, daß das in dem Begriff Antideutsch auch nur annähernd enthalten ist.
Antideutsch definiert sich anders, und steht den Ideen des Internationalismus und auch Rassismus näher.