Das Ganze ist das Falsche

Wednesday, October 17, 2007
Von Michael Kreutz

“Nur wer an die Macht des Teufels glaubt, kann verstehen, was sich in den letzten anderhalb Jahrzehnten in Westeuropa und Amerika zugetragen hat. Denn nur als Teufelswerk kann gedeutet werden, was wir erlebt haben. … Rausch der ‘Freiheit’! Ideologie des Liberalismus!” schrieb der Ideologe des “deutschen Sozialismus” Werner Sombart 1934. Man werde die aktuellen Exegeten des spekulativen Kapitalismus auffordern müssen zu beweisen, dass sie keine Anhänger einer global operierenden Sekte sind, fordert der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk siebzig Jahre später.

Die prinzipielle Verführbarkeit gerade vieler Intellektueller durch Kollektivismus und Totalitarismus haben helle Köpfe wie Ludwig von Mises, Friedrich August von Hayek und Roland Baader trefflich beschrieben und analysiert. Der Politologe Siegfried Kohlhammer hat in einem lesenswerten Aufsatz (via) die Thematik noch einmal aufgegriffen und neu beleuchtet. Wie sehr sich der als Unangepasstheit gebende Konformismus von Linksintellektuellen, deren Fundamentalopposition gegenüber den westlichen Gesellschaften kaum noch Widerspruch unter ihresgleichen hervorruft, von der Realiät enfernt, zeigt die Beliebigkeit der Objekte ihrer vorgeblichen Kritik:

Der Intellektuelle, zu dem per definitionem das Attribut »rational« zu gehören scheint, verhält sich seiner Gesellschaft gegenüber also nicht primär aus rational-sachlichen Gründen kritisch; es handelt sich dabei eher um Rationalisierungen des Leidens am Sinnmangel, an der »transzendentalen Obdachlosigkeit«, der Ziellosigkeit dieser Gesellschaft – und das kann durchaus auf hohem Niveau geschehen. Die Malaise der Sinn-Intellektuellen, ihre Fundamentalopposition, ist denn auch innerhalb der westlichen Gesellschaften nicht zu beheben – sie findet und erfindet sich stets neue Objekte der Kritik und läßt sie nach einiger Zeit, meist unerledigt, wieder fallen, vom Asbest zum Artenschutz, vom Walfang zur Dritten Welt, und was ist eigentlich aus dem »nuklearen Winter« geworden? Am besten ist dieser Fundamentalopposition wohl mit dem Satz gedient, daß das Ganze das Falsche sei, womit dann auch das einzelne »Positive« und »Wahre« in den Verblendungs- oder Unheilszusammenhang verquirlt werden kann.

Schön formuliert. Das fängt natürlich nicht erst mit Chomsky an, den Kohlhammer hier als Beispiel nennt. Die grundsätzliche Abneigung gegenüber allen bürgerlichen Errungeschaften ist natürlich viel älter. Schon Altmeister Adorno verachtete das Individuum als “Grundkategorie der Bürgerlichen Gesellschaft” und hielt es als eine Barriere gegenüber dem Kapitalismus für ungeeignet:

Das Individuum verdankt seine Kristallisation den Formen der politischen Ökonomie, insbesondere dem städtischen Marktwesen. Noch als Opponent des Drucks der Vergesellschaftung bleibt es deren eigenstes Produkt und ihr ähnlich. … Das Individuum spiegelt gerade in seiner Individuation das verordnete gesellschaftliche Gesetz der sei’s noch so sehr vermittelten Exploitation wieder.

Adorno sieht die grösste Gefahr für den Untergang des Individuums im Kult um denselben. Er beklagt gewissermassen einen Individualismus, der in den Atomismus mündet, auch wenn er das Wort nicht gebraucht. Fairerweise wollen wir nicht verschweigen, dass für den Marxisten Adorno die Ostblockstaaten totalitär waren. Den kollektivistischen Impetus seines Denkens kann das freilich nicht überdecken. “Eine emanzipierte Gesellschaft jedoch wäre kein Einheitsstaat, sondern die Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen” glaubte er allen Ernstes. Der sowjetische Dissident Natan Sharansky hat einmal darauf hingewiesen, wie selbst linke, sich kritisch dünkende Menschenrechtsaktivisten dem Totalitarismus immer wieder auf den Leim gehen:

Following in the footsteps of George Bernard Shaw, Walter Duranty and other Western liberals who served as willing dupes for Joseph Stalin, some members of the human rights community are whitewashing totalitarianism. A textbook example came last year from John Pace, who recently left his post as U.N. human rights chief in Iraq. “Under Saddam,” he said, according to the Associated Press, “if you agreed to forgo your basic freedom of expression and thought, you were physically more or less OK.”

Soll heissen: Wenn das Baath-Regime keine Menschenrechtsverletzungen dokumentiert, dann hat es auch keine gegeben. Die finden linke Intellektuelle dann umso lieber im Westen. Steckt hinter diesem Irrwitz tatsächlich nur die Suche nach Sinn, wie Kohlhammer glaubt? Vielleicht. Schon vor mehr als fünfzig Jahren jedenfalls hatte Friedrich August von Hayek die Beobachtung gemacht: “Von der Hingabe und Einseitigkeit des Idealisten zum Fanatismus ist oft nur ein einziger Schritt.”


Siehe auch:
Kultur und Fortschritt, 23. August 2007.

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