Ches türkische Verehrer
Über die Che-Verehrung der westlichen Salonlinken wurde in den letzten Tagen genug gesagt (stellvertretend hierfür Herzinger, Posener und Feddersen). Ein Hauptmerkmal dieser Revolutionsromantik ist, dass Guevara unter völliger Ausblendung seiner tatsächlichen Aktivitäten als utopische Alternative zum real existierenden Sozialismus dargestellt wird.
Auch in der Türkei hat Che Verehrer; letzte Woche widmete ihm die Nationale Kampfvereinigung das Titelblatt ihrer Zeitung “Türk Solu” (die türkische Linke). Anders als die europäischen Che-Verehrer sind sie aber wenigstens ehrlich. Daraus, dass es gilt den dekadenten individualistischen Westen zu besiegen, machen sie keinen Hehl.
Wer nun seinen Blick auf das Banner am oberen Rand wirft, dem wird auffallen, dass es sich bei einer der abgebildeten Personen um Atatürk handelt. Warum ist er dort abgebildet und nicht etwa Karl Marx oder Lenin? Dies hängt damit zusammen, dass diese Vereinigung die beiden nicht braucht, denn ihnen ist der Kemalismus antiwestlich genug.
Diese Linksnationalisten, die vor allem durch ihre ständigen Putschforderungen bekannt wurden, sehen sich in der Tradition einer Reihe von Autoren, zum Teil ehemalige Kommunisten, die Anfang bis Mitte der 1930er Jahre Einfluss auf die Wirtschaftspolitik gewannen. In ihrem Organ “Kadro” forderten sie eine reine Staatswirtschaft und eine Autarkiepolitik, sowie, dass die Türkei die Vorreiterrolle bei der Befreiung der kolonisierten Völker spielen sollte. Damit nehmen sie im Wesentlichen die Forderungen der lateinamerikanischen dependencia-Theorie vorweg.
Die Gruppe fiel in Ungnade; unter der Leitung von Recep Peker wandte sich die Türkei vorsichtig dem Kapitalismus zu. Manche Beiträger von “Kadro” änderten ihre politischen Auffassungen grundlegend und unterstützten in den 1950er Jahren sogar die Demokratische Partei von Adnan Menderes. Verschwunden war diese intellektuelle Tradition damit nicht.
Nach dem Putsch kemalistischer Offiziere gegen Menderes im Jahr 1960 wollte der Journalist der Gefahr entgegenwirjken, dass die “Reaktion” erneut zur Macht gelangt, weswegen er die Zeitschrift “Yön” (Richtung) gründete, in der führende kemalistische Intellektuelle für eine sozialistische Wirtschaftspolitik, ein Ende des Bündnisses mit den USA und ganz explizit gegen den Parteienpluralismus agitierten. Zum Teil unterstützten sie die frühere Staatspartei CHP, zum Teil die Arbeiterpartei, die fast ausschließlich aus Oberschichtintellektuellen bestand, während die einfacheren Schichten Süleyman Demirels Gerechtigkeitspartei zu triumphalen Wahlsiegen verhalfen.
Eine Änderung der Lage erhofften sich viele Autoren von “Yön” aber nur von einem Putsch. Viele Studenten unter den Lesern wurden 1968 noch radikaler und wandten sich dem Marxismus zu. Hierauf verweist das zweite Porträt im oberen Banner. Es handelt sich um den Wirrkopf Deniz Gezmiş, den Führer der Volksbefreiungsarmee der Türkei (THKO), der wegen Banküberfällen, der Entführung des amerikanischen Botschafters Kommer im Jahr 1969 sowie der eines amerikanischen Soldaten mit drei Genossen zum Tode verurteilt und am 6.5.1972 hingerichtet wurde. Er wurde durch diese zwielichtige Urteil zur Ikone der radikalen türkischen Linken.
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