Die Moschee im Dorf lassen

Saturday, October 20, 2007
Von Stefanie Galla

Für gewöhnlich poste ich keine Berichte über mein Leben, wie unsere Leser wissen. Heute mache ich eine Ausnahme.

Hier in Köln strahlt die Sonne. So gegen 11.00 Uhr schwang ich mich auf mein Fahrrad und radelte in den Stadtteil Ehrenfeld. Dort fand eine vom Kölner “Express” veranstaltete Bürgerfragestunde statt. Unser Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) und Jupp Wirges (SPD), Bezirksvorsteher des Stadtteils Ehrenfeld, sollten sich den Fragen der Öffentlichkeit bzgl. des dort geplanten Baus der Zentral-Moschee der DITIB stellen.

Die viel berichtete Massenerscheinung der Islamophobie hat Ehrenfeld offensichtlich nicht erreicht. Ehrenfeld – obgleich wegen des Moscheebaus einer der Brennpunkte in der Islamdiskussion – scheint eine Art islamophober Diaspora zu sein. Die Menschen interessierten sich schlichtweg nicht für das Thema Moschee. Es war eine Rednerbühne aufgebaut und der “Express” und ein Radiosender hatten Werbestände aufgestellt. Diese waren so weit abseits, dass man dort das auf der Bühne Gesagte nicht mehr wirklich verfolgen konnte.

Davor standen die Menschen in einer Schlange. Geduldig harrten sie, um an einem Gewinnspiel teilnehmen zu können oder ein kostenloses Exemplar des “Express” zu bekommen. Die Verweildauer vor der Bühne dagegen war nach meinen Beobachtungen weitaus kürzer, wenn überhaupt jemand stehen blieb. Die meisten Passanten guckten im Vorübergehen, um was es sich da für eine Veranstaltung handelt.

Direkt als ich den Platz erreichte, sah ich ein bekanntes Gesicht von der Stadtverwaltung und wir unterhielten uns. Dienstlich sei er da und er erklärte mir, wer alles vor der Bühne zu Pro Köln gehöre und wer von der DITIB komme. Damit hatte er mir dann auch schon fast alle vor der Bühne Anwesenden beschrieben. Er sagte dann, es seien immer die gleichen, welche kämen; die meisten Gesichter würde er schon kennen. Wir waren uns nicht einig darüber, wie viele Besucher insgesamt da waren. Ich schätzte so um 150 Menschen und er tippte auf gut 300. Schon wenig später war diese Gruppe merklich geschrumpft und vermutlich nur noch der harte Kern da.

Da in dem Frage-Antwort Spiel nur die altbekannten Standpunkte ausgetauscht wurden und auch ansonsten nichts Spannendes geschah, langweilte ich mich schnell und erledigte Einkäufe. Zurück an meinem Fahrrad angekommen, musste ich feststellen, der Hinterreifen ist platt. So schob ich dann mein Fahrrad in den nächsten Fahrradladen. Da ich nicht aus Ehrenfeld komme, hatte man Erbarmen mit mir und sagte zu, den Reifenwechsel nebst einiger anderer kleiner Reparaturen sofort vorzunehmen.

Man kam ins Gespräch und der Chef und sein Mitarbeiter, eine Alevite, berichteten mir, die Geschäftsleute in Ehrenfeld hätten nur Bedenken in Sachen Moschee wegen der dort geplanten Ladenzeile. Man würde befürchten, die muslimischen Kunden würden dann im
DITIB Gebäude alles unter einem Dach erledigen und ihnen würden die Kunden wegbleiben. Aber Ängste vor einer Verfremdung des Viertes oder ähnliches, seien ihnen von keinem bekannt, auch wenn das so in der Presse stehen würde. Insbesondere die türkischen Imbissinhaber würden die Befürchtungen, dass die muslimischen Kunden dann nicht mehr kämen, hegen.

Während dann mein Fahrrad repariert wurde, kaufte ich mir eine „Zeit“ und setzte mich für einen Kaffee in einen der zahlreichen Imbisse an der Straße. Auf der Seite 24 ist ein Bild von einem kleinen irakischen Jungen und einem Soldaten in voller Montur, die zusammen mit einem Ball spielen und denen die Freude an dem gemeinsamen Spiel ins Gesicht geschrieben ist. Das Bild rührte mich so an, dass mir fast die Tränen in die Augen stiegen. Dies muss der Imbissbesitzer beobachtet haben. Plötzlich stand er vor mir und beugte sich über meine Zeitung und guckte sich das Bild an. Seine Frau und ein Mitarbeiter kamen dann auch herbei, um das Bild zu betrachten. Die Frau sagte, dass ist ein schönes Bild. Die beiden Männer sagten, Soldaten seien sonst anders und begannen über die USA zu schimpfen.

Die Betreiber des Imbiss kommen aus Tunesien, wie sie mir später erzählten. Der Mann sagte im Laufe des Gesprächs, die USA würden Ägypten zwingen, keine Palästinenser ins Land zu lassen. Wegen der Besatzung Palästinas müsse man die Juden mit Gewalt bekämpfen. Gewalt müsse mit Gewalt bekämpft werden- Die Juden wolle da keiner. Die Frau sagte, es reicht, wenn Israel die Gebiete räumt, welche es 1967 besetzte. Jeder Mensch wolle in Frieden und Freiheit leben und jeder Mutter sei es wichtiger, dass ihre Kinder im Frieden aufwachsen können als ein blödes Stück Land zurück zu bekommen. Die Männer im Raum stimmten ihrem Ehemann zu.

Dann kamen wir auf den Iran zu sprechen. Die Frau sagte, es würde sie traurig machen, wie die Menschen im Iran leben müssen. Der Mann erwiderte, dass sei alles westliche Propaganda und den Menschen im Iran ginge es gut. Als ihr Ehemann kurz weg war, sagte die Frau zu mir, das muss aufhören mit der Gewalt. Die müssen akzeptieren, dass es Israel gibt. Als ich dann meinen Kaffee zahlen wollte, sagte der Mann, ich sei eingeladen. Wir hätten uns so schön unterhalten und ich solle wieder kommen. Dass ich dem Mann im Laufe der Diskussion in fast allem widersprach und im Rahmen der Israel-Diskussion auch deutlich sagte, die Anerkennung der Existenz Israels sei für mich unabdingbar, schien ihn nicht sonderlich gestört zu haben.

Mein Fahrrad hat nun einen neuen Hinterreifen und ich die Erkenntnis, mit der Islamophobie scheint es zumindest in Ehrenfeld nicht weit her zu sein. Ich bin gespannt, was die Presse über die Fragstunde berichten wird.

+++Update+++
So sehen die “Welt” und die “Bild” die Veranstaltung.

________
Siehe auch:
Ralph Giordano: “Nicht die Moschee, der Islam ist das Problem”, 10.September 2007
Eine Moschee für Köln – oder: Kampf gegen den falschen Gegner, 25.August 2007.

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