Religion, Ideologie, Gewalt

By Michael Kreutz · November 14, 2007

Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Ausgerechnet aus Steinbachs GIGA-Institut kommt eine hochinteressante Lektüre, deren Herausgeberin Sigrid Faath das leistet, was auf diesem Blog wiederholt eingefordert wurde: Eine Herangehensweise an das Phänomen des islamischen Fundamentalismus, die das Etikett “wissenschaftlich” wirklich verdient, anstatt sich in Apologie zu ergehen oder Empathie für gesellschaftliche Gruppen wecken zu wollen.

Tatsache ist, dass sowohl die Islamophoben als auch die Islamophilen einer essentialistischen Sichtweise anhängen, die sich faktisch nicht begründen lässt. Daher klipp und klar: Der islamische Fundamentalismus ist - wie genauso z.B. der sufische Islam - eine Teilmenge des Gesamtphänomens Islam und weder mit diesem identisch noch zu diesem ohne Beziehung. Welcher Art und von welchem Ausmass diese Beziehung ist, gehört zu den Aufgaben der Forschung und bildet ein weites Feld für wissenschaftliche Studien und Debatten.

Das gilt auch für andere Religionen als den Islam. Nehmen wir das Christentum: Der einzelne Gläubige mag die Kreuzzüge als fehlverstandenes Christentum verurteilen und für sich zu der Erkenntnis gelangen, dass die Inquisition nichts mit seiner Religion zu tun hat. Der Wissenschaftler hingegen darf sich diese Meinung nicht ohne weiteres zu eigen machen. Die “wahre Religion” kann er nicht definieren, weil diese Definition als Glaubensfrage sich der Forschung entzieht. Christentum ist daher für den Wissenschaftler zunächst alles, was in dessen Namen geglaubt und praktiziert wird. Darum sind die Kreuzzüge und auch die Inquisition grundsätzlich als Teilmengen des Gesamtphänomens Christentums zu behandeln - und zwar ohne weitere Wertung. Von dieser Festellung ausgehend kann man dann untersuchen, wie die Teilmenge sich zum Gesamtphänomen verhält.

Der ambivalente Charakter der Religionen legt nahe, das religiöse Verständnis der am Konflikt Beteiligten, ihre Interpretation der religiösen Lehre und ihre normative Prägung durch die von ihnen vertretene Variante des Glaubens zu untersuchen. Mit anderen Worten: Selbst wenn bei der Untersuchung zahlreicher Konflikte die Konfliktanalysen ergaben, daß in den meisten Fällen Religion nicht ursächlich war, so ist deshalb nicht automatisch die Wirkung religiöser Inhalte und Normen, spezifischer Interpretationen der Religion und religiös-kulturelle Aspekteauf die am Konflikt Beteiligten gering zu veranschlagen. Am Beispielvon Konflikten, in die islamistische Gruppen involviert sind, wird diesbesonders deutlich: Die religiösen Vorstellungen und das spezifische Religionsverständnis ihrer Führer prägt die Zielsetzungen über rein machtpolitische und ökonomische Interessen hinaus. Ihre ordnungspolitischen Ziele verbinden den Wunsch nach einer verstärkten Sakralisierung von Staat und Gesellschaft mit dem Monopolanspruch ihrer jeweiligen Interpretation der religiösen Texte; es reicht deswegen nicht aus, wenn der religiöse Faktor in islamisch geprägten Staaten lediglich als Instrument (Oliver McTernan spricht von „proxy“) für politische Ambitionen, die Beseitigung von sozialen und sozioökonomischen Mißständen, Ressourcenumverteilung usw. angesehen wird. Die Zielvorstellungen beinhalten in letzter Konsequenz eine „revolutionäre“ Umgestaltung der Ordnung nach religiös-legitimierten Vorstellungen der jeweiligen Konfliktparteien.

Religion sollte deswegen, gerade wenn es um ihre fundamentalistische Variante oder das Verhältnis von Religion und Gewalt und um Religion und Feindbilder geht, als Gegenstand der Analyse – wie Volker von Prittwitz überzeugend argumentiert – nicht ausgeklammert werden. Der ägyptische Arabist und Theologe Nasir Hamid Abu Zaid unterstreicht die Notwendigkeit eines solchen Vorgehens, wenn er explizit darauf hinweist, daß z.B. die religiös begründete Gewalt nicht durch den Mißbrauch der Religion alleine zustande kommt, sondern die religiösen Texte durchaus Gewalt propagieren, so daß z.B. eine Verurteilung des Terrorismus mit den klassischen Mitteln der Koraninterpretation nicht möglich sei.

Genau das ist der Punkt. Ich halte es daher auch für problematisch, die Moderne aus der Religion heraus begründen zu wollen. Worauf es vielmehr ankommt ist, sie ohne metaphysische Ableitung als eigenständigen Wert anzuerkennen und solchermassen im gesellschaftlichen Bewusstsein zu verankern. Wie Frau Faath völlig richtig schreibt, heisst dies für die islamischen Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas:

Religiöse Referenzen haben – und das macht staatliche Maßnahmen und die Gegenmobilisierung der Bevölkerung um so dringlicher – ihre zentrale Rolle bei der Begründung und Rechtfertigung gewaltsamer Aktionen behalten. Daß sie diese Wirkung weiterhin entfalten, hat mit großer Wahrscheinlichkeit auch mit der – erst in Ansätzen aufbrechenden – Weigerung zu tun, das Verhältnis von Religion und Gewalt kritisch, offen und öffentlich zum Diskussionsthema zu machen und als Kernproblem anzuerkennen. …

Die Untersuchungen von R. Scott Appleby ergaben, daß die Qualität und Art der „spirituell-moralischen Prägung“ durch Religion als „single most important internal condition“ schließlich darüber entscheidet, ob im Konfliktfall religiöse Gemeinschaften Gewalt einsetzen oder von Gewalt Abstand nehmen. Staatliche Religionspolitik, die religiöse Bildungs- und Ausbildungsaspekte mit einschließt, ist von daher zumindest formal-institutionell ein Faktor, der gesamtgesellschaftliche Wirkung entfaltet, auf die Wahrnehmung des Einzelnen einwirken und je nach inhaltlicher Ausrichtung u.a. auch das Verhalten in Konflikten verschärfen oder entschärfen bzw. das Verhältnis zu Gewalt beeinflussen kann.

… Speziell wird der Frage nachgegangen, ob der staatliche Akteur eine neue Werteorientierung vermittelt und durchsetzt bzw. durchsetzen kann, die auf eine Diskreditierung von Gewalt als Mittel des Konfliktaustrags und auf die Respektierung von Pluralität abzielt.

Da sind wir gespannt. Wissenschaftlich wird hier jedenfalls der richtige Weg eingeschlagen. Das verdient in jedem Falle höchste Anerkennung.

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Comments

2 Responses to “Religion, Ideologie, Gewalt”

  1. Luclog on November 14th, 2007 5:57 pm

    Wow. Mittlerweile zweimal täglich ein neues Design. Da ist Service.

  2. Serdar on November 14th, 2007 11:52 pm

    @Michael Kreutz:
    Tolles Design!
    Was zur Emphatie. Emphatie ist doch gar nicht unwissenschaftlich, es sollte nur nicht zur Rechtfertigung ausgebaut werden. Aber wie sie auch sagen, ist diese Studie wirklich gut.

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