Irak-Umfrage: Wer ist schuld an den Verhältnissen im Land?
Und noch eine Umfrage aus dem Irak. Das Ergebnis in einem Satz: Sämtliche religiösen und ethnischen Gruppierungen des Landes, berichtet die Washington Post, sehen den Abzug der Besatzungskräfte als Schlüssel zur politischen Stabilisierung ihrer Heimat. Trotz positiver Entwicklung der allgemeinen Lebensverhältnisse.
Das Battle Update Assessment, das für die amerikanischen Streitkräfte erstellt wurde, sieht in den Ergebnissen dieser Umfrage allerdings auch Gutes, in den Worten der Washington Post:
Some of the news has been unarguably good, including the sharply reduced number of roadside bombings and attacks on civilians. But bad news is often presented with a bright side, such as the focus-group results and a November poll, which found that 25 percent of Baghdad residents were satisfied with their local government and that 15 percent said they had enough fuel for heating and cooking.
The good news? Those numbers were higher than the figures of the previous month (18 percent and 9 percent, respectively).
And Iraqi complaints about matters other than security are seen as progress. Early this year, Maj. Fred Garcia, an MNF-I analyst, said that “a very large percentage of people would answer questions about security by saying ‘I don’t know.’ Now, we get more griping because people feel freer.”
Nun ja, kann man so sehen. Aber der Tenor der Umfrage ist doch ein anderer:
Dated December 2007, the report notes that “the Iraqi government has still made no significant progress toward its fundamental goal of national reconciliation.” Asked to describe “the current situation in Iraq to a foreign visitor,” some groups focused on positive aspects of the recent security improvements. But “most would describe the negative elements of life in Iraq beginning with the ‘U.S. occupation’ in March 2003,” the report says. … Few mentioned Saddam Hussein as a cause of their problems …
Ich bin daher der Meinung: Wenn eine Mehrheit der Iraker den Abzug will, sollen sich die westlichen Truppen doch zurückziehen. Es möge sich nur keiner beschweren, wenn dann Muqtada al-Sadr und Genossen die Macht an sich reissen.
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Siehe auch:
- Irak-Umfrage: “Mehr als 80% gegen Besatzung”, 30. Juni 2007,
- “America’s failure to understand, trust, and protect its closest friends in Iraq”, 21. März 2007,
- Mehrheit der Iraker sympathisiert mit Anschlägen gegen US-Soldaten, 28. September 2006,
- Keine Freunde, nirgends, 5. September 2006.

“Ich bin daher der Meinung: Wenn eine Mehrheit der Iraker den Abzug will, sollen sich die westlichen Truppen doch zurückziehen. Es möge sich nur keiner beschweren, wenn dann Muqtada al-Sadr und Genossen die Macht an sich reissen.”
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Das wäre aber fatal, weil es das Signal aussenden würde, dass das Experiment “Demokratie” nicht nur im Irak gescheitert wäre, sondern auch in der ganzen Region, Afghanistan eingeschlossen.
Außerdem liefert es Munition gegen in der Zukunft nötig werdende Aktionen – sowohl was die Haltung der Welt gegenüber den USA betrifft als auch die innenpolitische Diskussion dort.
Das Ergebnis wäre amerikanischer Isolationismus, wie vor WK1 und WK II. Wir wissen, wie es dann weiterging…
Emotional kann ich aber verstehen, wenn man sich von dem ganzen Mist am liebsten verabschieden will. Dennoch denke ich , die verbliebenen 20 % sind das Engagement wert.
Bernd, ich sehe das auch so. Von der islamischen Welt wird sehr genau beobachtet, wie sich der Irak entwickelt. Sollte die Demokratisierung scheitern, würde es auf unabsehbare Zeit nicht möglich sein, Demokratie als Alternative zu islamistischen Systemen zu vermitteln. Das Signal, welches von einem Scheitern ausginge, wäre daher fatal.
Ich halte Demokratie auch in der Arabischen Welt für eine gute Sache. Aber die Menschen müssen sie auch wollen. Die Amerikaner haben das Baath-Regime gestürzt, den Rest müssen die Iraker schon selbst machen.
Wenn eine Mehrheit allerdings meint, alles werde schon irgendwie gut, wenn erst die amerikanischen Truppen abziehen, dann zeugt das von wenig Realitätssinn, sollte vom Westen aber akzeptiert werden. Das Experiment Demokratie in der Arabischen Welt wäre dann eben gescheitert.
Aber nicht notwendigerweise in der gesamten Islamischen Welt: Im Iran könnte es eines Tages eine endogene, sich selbst tragende Demokratie geben, wenn das dortige Regime einmal gestürzt ist. Ich bin allerdings auch der Meinung, dass die iranische Bevölkerung es von sich aus stürzen sollte.
@Michael
“Aber die Menschen müssen sie (Demokratie) auch wollen.”
Mit diesem Satz habe ich immer so meine Schwierigkeiten. Unsere Demokratien im Westen sind das Produkt aus Wissen, Erfahrung und Kampf. Zu sagen, wir wissen, rechtsstaatliche Demokratien ermöglichen dem Menschen die größte Freiheit und wir kämpfen für unsere Demokratie, weil wir überzeugt davon sind, es ist das Beste für den Menschen und auf der anderen Seite zu sagen, andere Menschen wollen dies nicht, das passt nicht. Der Mensch ist überall gleich und Deine Äußerung läuft darauf hinaus, die Menschen an anderen Orten sind anders.
Gern wird die von Dir getätigte Aussage auch als Argument dafür gebracht, dass man sich nicht für Menschenrechte in z.B. Afghanistan einsetzen wolle. Die Menschen würden diese nicht wollen. Es lohnt sich auch im Irak für die Demokratie zu kämpfen, diese den Menschen zu vermitteln. Denn sollte das gelingen, dann sehen die Chancen, dass sich das Modell Demokratie in der Region verbreitet bei weitem besser aus, als wenn es scheitern würde. Bei uns verankerte sich auch nicht von heute auf morgen die Auffassung, die rechtsstaatliche Demokratie gewährt dem Menschen die meisten Rechte und ist daher erstrebenswert als Staatssystem.
Was die Menschen also im Irak wollen, spielt heute und jetzt eine untergeordnete Rolle, denn wir sind schon drin. Und wir sind schon drin, meine ich auch so, auch wenn wir keine Soldaten vor Ort haben. Der „Westen“ ist drin und damit wir. Es geht also auch um uns. Und wenn wir nicht versuchen, dort zu vermitteln, eine rechtsstaatliche Demokratie lohnt sich, geben wir auf – die Menschen dort und auch ein Stück weit unsere Sicherheit hier. Das wollen spielt nur insofern eine Rolle, als dass wir versuchen sollten die Menschen dahin zu bringen, dass sie auch eine Demokratie mit der Gewähr der Menschenrechte wollen. Warum versuchen wir Afghanistan zu demokratisieren? U.a. deshalb, weil eine Demokratie die größte Gewähr dafür bietet, dass Menschenunterdrücker keine Werkzeuge mehr ausbilden können, die sich dann bei uns in die Luft bomben, um so ihr Vorstellung von einem Zusammenleben zu verteidigen. Wir tun es also auch für unsere Sicherheit hier.
Zu sagen, dann gehen wir halt wieder aus dem Irak, bedeutet nicht nur, die Menschen dort Systemen zu überlassen, in denen sie keine Freiheit haben. Es würde auch bedeutet, dass wir das Feld räumen und nur noch zuschauen, wie dort Menschen herangezogen werden, welche uns als Feinde sehen und bekämpfen wollen und werden durch Terror, weil es eine Frage der Zeit ist, dass Islamisten den Irak erobern würden, wenn wir die Iraker nicht weiter unterstützen.
Zum Iran, ich bin auch dagegen, in diesen zu marschieren um zu versuchen, die Leute zu demokratisieren – aus zig Gründen und ich lasse jetzt hierbei mal den Bau der Atombombe außen vor. Um das Material zu zerstören, müsste man nicht einmarschieren. Die Situation in Bezug auf den Iran ist daher aus westlicher Sicht eine ganz anderes als die des Iraks, indem wir drin sind und gerade versuchen zu beweisen, dass die Demokratie den Menschen das meiste Wohl bringt.
Ich bin der Auffassung, es ist eine Frage der Zeit, wann das iranische Volk das Regime stürzen wird. Aber was wird danach kommen? Viele Oppositionelle wollen einen gemäßigten islamischen Staat. Sie wollen nur das barbarische Regime loswerden, aber einen islamischen Staat – nicht nach dem Vorbild der Türkei, welche in den Augen der überwiegenden Zahl der Menschen dort kein islamischer Staat ist, weil die Religion nicht den Staat bestimmt, sondern vom Staat kontrolliert wird. Andere Oppositionelle wollen ein sozialitisches System. Würde der Irak scheitern, gebe es von vornherein kaum eine Chance, dass auch eine Demokratie als Staatsform für den Iran in Betracht käme.
Es geht daher nicht nur um den Irak, es geht um die gesamte Region und um unsere Sicherheit hier. Der Irak ist es, welcher zeigen kann, Demokratie lohnt sich. Afghanistan hat da weit weniger eine Schlüsselrolle.
Ich rede von Werten, liebe Stefanie, die in einer Gesellschaft verankert sein müssen – nicht von der Tauglichkeit für die Demokratie, die ich keiner Gesellschaft abspreche. Eine Demokratie, die nicht gewollt ist, ist ein Widerspruch in sich.
Zu dieser Problematik hatten wir schon einmal eine Debatte, bei der Fareed Zakarias’ bemerkenswertes Buch “Future of Freedom” eine wichtige Rolle spielt.
Dass die Iraker Demokratie wollen, will ich gar nicht einmal bestreiten. Aber wer es sich so leicht macht zu glauben, dass mit einem Abzug der Amerikaner alles prima werde, sollte auch die Konsequenzen tragen.
Das ist etwas völlig anderes, weil es hier um die Verteidigung einer bereits bestehenden Demokratie geht. Deren Werte sind ja grundsätzlich in der Gesellschaft verankert.
“Ich rede von Werten, liebe Stefanie, die in einer Gesellschaft verankert sein müssen – nicht von der Tauglichkeit für die Demokratie, die ich keiner Gesellschaft abspreche. Eine Demokratie, die nicht gewollt ist, ist ein Widerspruch in sich. ”
Lieber Michael
, aber was ist die Basis einer Demokratie? Ein bestimmtes Werteverständnis und das dieses nach Jahren einer Diktatur und unter Beeinflussung von Islamisten, welche dieses eben nicht haben, nicht plötzlich da sein kann, ist doch logisch. Es war auch bei uns eine Entwicklung über Jahrhunderte. Im Irak geht es daher auch darum, weil diese Entwicklung nicht in der Form gegeben ist, anhand der Praxis, also des aktuell Erfühlten, zu zeigen, es geht Euch in einer Demokratie besser um so ein Stück weit die Entwicklung, wie wir sie hatten, zu einer Demokratie zu ersetzen. Also das Pferd von hinten aufzuzäumen. Dass das Wollen einer Demokratie nicht das Ergebnis einer Entwicklung aus der Gemeinschaft heraus ist, welches sich die Gemeinschaft erkämpfte, sondern dass ein Zustand den Menschen gefällt und sie daher sagen, mit diesem Zustand geht es mir besser. Das geht aber nicht von heute auf morgen, vor allem nicht die Gewinnung des Verständnisses für ein Wertesystem in der breiten Masse der Bevölkerung. Und dies nicht nur, weil die Menschen erst einmal müssen fühlen können, was ihnen eine Demokratie an Vorteilen bringt.
Darin
“Aber wer es sich so leicht macht zu glauben, dass mit einem Abzug der Amerikaner alles prima werde, sollte auch die Konsequenzen tragen.”
stimme ich mit Dir voll überein. Du schrubst allerdings:
“Ich bin daher der Meinung: Wenn eine Mehrheit der Iraker den Abzug will, sollen sich die westlichen Truppen doch zurückziehen. Es möge sich nur keiner beschweren, wenn dann Muqtada al-Sadr und Genossen die Macht an sich reissen.”
Und ein Rückzug hätte eben fatalen Folgen, die ich nicht haben will. Daher, Aufgeben ist für mich keine Option.
In Umfragen sagen die Iraker ja mehrheitlich, dass es ihnen seit dem Sturz Saddams besser gehe. Zumindest war das vor drei Jahren noch der Fall. Und solange das nation building nicht gescheitert ist, besteht noch Hoffnung. Auch die Sicherheitslage hat sich gebessert. Im Gespräch mit der FAZ sagt General Petraeus:
Dennoch: Warum zum Henker sollen die Amerikaner im Land bleiben und den Menschen helfen, wenn diese das offensichtlich nicht wollen? Diese Frage stelle ich mir. Es ist nicht zu übersehen, dass paradoxerweise gerade jetzt, wo die US-Armee grosse Erfolge im Kampf gegen den Terrorismus erzielt, die irakische Bevölkerung ihre Meinung geändert hat: Vor einem Jahr noch hatte sich eine Mehrheit gegen den schnellen Abzug ausgeprochen.
Denken die Menschen vielleicht, sie würden alleine besser mit dem Terror fertig? Oder glauben sie, die amerikanische Präsenz sei ursächlich für den Terrorismus? Auf jeden Fall müssen sie sich im klaren darüber sein, was ein schneller Abzug bedeutet.