Ja zur Freiheit des Wortes – auch in Saudi-Arabien
Viel zu selten finden sie Gehör im Westen: die fortschrittlichen Kräfte des Nahen Ostens. Ausgerechnet in Saudi-Arabien, einem der abgeschottetsten Länder der Islamischen Welt, fordern fast hundert couragierte Intellektuelle in einem offenen Brief die Freiheit des Wortes – bedingungslos.
Der offene Brief ist die Antwort auf eine Fatwa von Abdarrahman al-Barrak, einem bekannten saudischen Kleriker, dessen Antimodernismus jegliche Vorstellungskraft sprengt. Barrak hatte zum Mord an den beiden Schriftstellern Abdallah bin Bijad al-Utaibi und Yusuf Abu al-Khail aufgerufen, nachdem ersterer einen Text mit dem Titel “Der Islam des Textes und der Islam des Konflikts”und letzterer einen ähnlich provokativen Text unter dem Titel “Das Andere in der Bilanz des Islam” veröffentlicht hatte.
Im folgenden dokumentieren wir den Text im Wortlaut (geringfügig gekürzt):
Das Denken gedeiht einzig und allein in einer Atmosphäre der Freiheit, die dem Denkenden die Möglichkeit bietet, offen das auszudrücken, was er sieht, ohne fürchten zu müssen, allein für die Äusserung seiner Gedanken bestraft zu werden und dass die Opposition gegen die Gedanken nur durch andere Gedanken geschieht, die diese widerlegen. Denn wer den Gedanken eines anderen Staatsbürgers für falsch hält, soll diesen öffentlich unter Gebrauch von Beweisen und Argumenten diskutieren, um dessen Fehlerhaftigkeit zu beweisen, wobei er das darlegt, was er für richtig hält, und nicht, indem er seinen Diskussionspartner verketzert und ihn für vogelfrei erklärt. Dies ist eine Angelegenheit, die weder der Verstand akzeptiert noch die religion gebietet, denn der zum Glauben gezwungene Mensch – wenn es das gibt – hat keinen Glauben, denn der Gläubige ist kein solcher, wenn der Glaube nicht in sein Herz geschrieben steht, seine Zunge ihn nicht artikuliert und seine Glieder ihn nicht wissen – keinen Zwang gibt es im Glauben. Den Menschen ist die Wahlfreiheit doch allein deshalb gegeben, damit ihr Glaube einer aus Überzeugung sei.
Die Androhung von Intellektuellen mit Verketzerung und was sich daraus an Aufstachelung zum Mord ergibt, behindert den geistigen, wissenschaftlichen und literarischen Erneuerungsprozess im Lande, während die Verketzerung durch Fatwas im Falle abweichender Gedanken und Meinungen ein wahrer Anschlag auf die Erneuerungsbewegung auf ihren wichtigsten Gebieten ist, womit sie gelähmt und im Keim erstickt wird.
Deswegen sagen wir klar und deutlich, dass wir die Fatwa zur Verketzerung der beiden Schriftsteller Abdallah bin Bijad al-Utaibi und Yusuf Abu al-Khail, die von Abdarrahman al-Barrak ausgestellt wurde, ablehnen, so, wie wir auch die Methoden der Konfrontation von Gedanken und Meinungen zurückweisen, zu denen wir klar sagen: Nein zur Verketzerung und Ja zur Redefreiheit. Wir fordern von der Gesellschaft, dass sie diese Methoden entschieden zurückweist, und von den staatlichen Stellen, dass sie entschlossen gegen diejenigen auftritt, die sich dieser Methoden im Interesse der Sicherheit und gesellschaftlichen Integrität bedienen. Dabei gehört es zur Wahrung der Bürgerrechte auf Meinungsfreiheit, die unterschiedlichen Meinungen und Ansichten gewährt wird, dass diese in vollständiger Transparenz dargelegt werden, (…) und nichts ist nach unserer Ansicht für den Islam an Meinung, die über ihn geäussert wird, zu fürchten, solange der Dialog über ihn anhält und die Kontroverse möglich bleibt, während um den Islam vielmehr von dem zu fürchten ist, der sein Verständnis von ihm als das der Religion ausgibt und sich selbst das Recht nimmt, denjenigen aus seinem Kreis zu entfernen, dessen Verketzerung er wünscht und den er mit dem Vorwurf der Apostasie vor Gericht bringen will, damit er umkehre oder getötet werde.
Diese furchteinflössenden Methoden, die unter dem Schirm der Bevormundung und der Deutungshoheit über die religiöse Wahrheit zu einer verschärften Aufstachelung zum willigen Blutvergiessen an Muslimen führt, droht schlimme Konsequenzen für die gesellschaftliche Sicherheit in unserem geschätzten Land zu haben, sodass wir dem Urheber dieser Fatwa den Frevel dessen aufbürden, was er an der Zufügung moralischer oder emotionaler Schändlichkeit den beiden Schriftstellern Abdallah bin Bijad al-Utaibi und Yusuf Abu al-Khail angedichtet hat, oder anderen, die mit einer ähnlichen Fatwa belegt wurden, so wie wir auch die offiziellen Stellen unterschiedlichster Ebenen auffordern, diesen Praktiken eine Grenze zu ziehen. Und Gott führt auf den richtigen Weg.
Saudi-Arabien, den 25.03.2008
Es folgen die Namen der 93 Unterzeichner. Und man kann nicht anders, als Respekt zu haben.
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Sehr vielen Dank für ihre Arbeit, aber:
> Viel zu selten finden sie Gehör im Westen
…nu ja, noch viel seltener finden sie Gehör im Osten.
Woher wollen Sie das wissen?
Die Dialogindustrie hierzulande zeigt sich entschlossen, grundsätzlich nur mit vollbärtigen Wirrköpfen oder marxistisch angehauchten Islam-Reformern zu diskutieren.
Wer nicht dem Ideal des “Anderen” entspricht und kein Linker ist, hat es schwer, den Weg in westliche Medien und Symposien zu schaffen. In ihren Heimatländern sind solche Leute dafür meist viel bekannter.
(s. dazu auch hier und hier.)
Mit Verlaub, ihre Links weisen auf Eigentümlichkeiten der Rezeption im Westen hin – kein Widerspruch -, sie belegen aber nicht, dass die o.g. Kritiker in ihren Heimatländern bekannt sind – das mag sein, bleibt aber bis zum Beweis Behauptung. Noch viel weniger wird belegt, dass diese couragierten Intellektuellen Gehör finden, also ihre Gesellschaften beeinflussen, gar prägen, so wie es ihre Widersacher, z.B. al-Qaradawi, erreichen.
Inwieweit sie die eigene Gesellschaft prägen, ist zweitrangig. Lesen sie mal z.B. dies hier.
Solche Beispiele gibt es viele. Westliche Intellektuelle neigen dazu, anderen Gesellschaften nicht nur einen eigenen Weg in die Moderne zuzugestehen, sondern diesen Eigenweg geradezu vorauszusetzen.
Wenn das kein Orientalismus ist.