Ein vermeintlicher Dissident

Monday, May 19, 2008
Von Michael Kreutz

Vor einigen Tagen habe ich den Film ‘Persepolis’ gesehen und war begeistert. Das war nicht unbedingt zu erwarten gewesen, denn die Autorin der gleichnamigen Grafiknovelle, auf die der Film zurückgeht, hatte schon Sachen geäussert, die durchaus kritisch zu bewerten sind (wenngleich dieses Interview mit ihr wiederum richtig gut ist). Wie dem auch sei, der Film hat mir – wie gesagt – ausserordentlich gut gefallen, allein schon wegen seiner überaus poetischen Erzählweise und der ebenso minimalistischen wie eindringlichen Bildersprache. Aber natürlich auch wegen der Geschichte, die er erzählt.

Obwohl der Film schon seit November auf dem deutschen Markt ist, bin ich nun aber nicht der einzige, der ihn jetzt erst gesehen hat. Auch Bloggerkollege Azarmehr hat ihn dieser Tage gesehen und war ganz angetan. Und wie es der Zufall will, schreibt zeitgleich auch Hossein Derakhshan, in Kanada lebendes exiliranisches Bloggeridol, über seinen Eindruck von dem Film. Der aber fiel ganz anders aus:

The narrative is simple: an evil state has taken its good people hostage and is planning to destroy the planet with its dangerous weapons. The good states now must both liberate these innocent people from their evil rulers and remove the threat of such weapons by toppling those rulers. But you can’t liberate a people if they are as evil as their state, so you always need to have good people. Hence the never-ending wave of memoirs by Iranian women whom we are supposed to liberate, starting with the controversial memoir by Azar Nafisi, Reading Lolita in Tehran. (…)

Satrapi makes no effort to break this stereotypical image of Iran. Even though she knows – and shows in the film – how the middle and lower-class Iranian rulers came to power after a massive revolt against a deeply corrupt and tyrannical monarchy; and despite the existential threats against the new state ever since, its political system is fairly representative, fragmented and diverse. (Where in Europe or North America can the son of a blacksmith suddenly ascend to presidency out of nowhere and unhesitatingly start holding the rich and the powerful accountable?)

Mit dem “Sohn eines Schmieds” ist Ahmadi-Nejad gemeint. Nun, man könnte ein Land nennen, in dem es z.B. der Sohn eines österreichischen Polizisten bis zum Gourverneur eines der wohlhabendsten Bundesstaaten gebracht hat, aber das Entscheidende ist: Derakhshan verharmlost nicht nur das Regime auf unsägliche Weise, sondern verschafft ihm eine Legitimität, die ihm nicht zusteht. Dieses nämlich bleibt eine Diktatur, auch wenn der amtierende Präsident der Sohn eines Schmieds ist.

The film also never points out that Marjane is not only exaggerating in showing Iran as a police state where for every woman who runs in the street or touches a male hand in a car, there are at least a team of bearded, angry policemen who suddenly appear on the scene and warn them. Even the Taliban never managed to be that fast and efficient.

But worse is that while it is true that the Iranian society and obviously its rulers were less tolerant of dissent and were more religiously and socially conservative 20 years ago when most of Marjane’s story mainly happens, the film fails to remind the viewer that the today’s Iran is remarkably different from those days.

Warum um alles in der Welt gilt Derakshan heute als Dissident? Dass unter Ahmadi-Nejad alles besser geworden sei, behaupten noch nicht einmal die einschlägigen Irankommentatoren in den deutschen Medien.

Wie es im Iran unter Ahmadi-Nejad aussieht, wurde auf diesem Blog oft genug thematisiert. Sind Derakshans Äusserungen also nur einer unfassbaren Naivität geschuldet oder was ist der Grund? Ein Dissident jedenfalls ist er nicht. “Dissidenten und Andersdenkende … sind vielen Verboten, Einschüchterungen und Verurteilungen ausgesetzt”, “extralegale Hinrichtungen und solche von Minderjährigen” immer noch gang und gäbe, so der 6. Jahresbericht der Vereinigung der Menschenrechtsverteidiger.

Mit seinen Ansichten hätte Derakhsan wohl wenig zu befürchten. Der Bericht schliesst mit dem Wunsch der Verfasser, dass “Freiheit der Rede und der Weltanschauung und die Freiheit von Furcht und Armut keine unerreichbare Hoffnung der Menschen, sondern die Realität ihres Lebens sein mögen.”

Aber was ist schon Realität, fragt sich die Leserschaft des ‘Guardian’.


Siehe auch:
Henkerstaat, 2. August 2007

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4 Responses to “Ein vermeintlicher Dissident”

  1. MR

    Postkartemnaler wurden auch schon Fueherer und Reichskanzler…

    #43755
  2. Hoder, wie sich Hossein Derakhshan auch nennt, ist mir auch schon aufgefallen.

    http://beer7.wordpress.com/200.....vergleich/
    http://beer7.wordpress.com/200.....igentlich/
    http://beer7.wordpress.com/200.....rtgesetzt/
    http://beer7.wordpress.com/200.....erakhshan/
    http://beer7.wordpress.com/200.....de-kommen/
    http://beer7.wordpress.com/200.....ter-bloss/

    Der Mann ist ein ausgewachsener Narziss, dem es nur darum geht, im Rampenlicht zu stehen. Seit neuerem denkt er anscheinend darueber nach, sich von der Islamischen Republik Iran sponsern zu lassen.

    #45640
  3. Vor kurzem hat auf Telepolis ein gutgläubiger Redakteur Derakshan als einen rechtschaffenen Intellektuellen vorgestellt, der im Gegensatz zu den Exiliranern das wahre Gesicht der iranischen Bevölkerung verkörpere, während die Exilanten von amerikanischen Thinktanks gekauft seien.

    Dabei lebt “Hoder” seit acht Jahren selbst im Exil. Iraner, die noch nicht so lange im Westen leben wie er, äussern sich dagegen meist anders über Politik. Hier werden also Tatsachen in ihr Gegenteil verkehrt.

    Auch die absurde Behauptung, “Hoder” sei vom Westen fallengelassen worden, bedarf angesichts der Tatsache, welche Medienpräsenz Derakhshan hat, keines weiteren Kommentars. Otto-Normal-Iraner dagegen, der ganz anders denkt, hat in der Regel überhaupt keinen Zugang zu den Medien.

    #45830
  4. Eloman

    Soll ja nen Staat geben in denen der uneheliche Sohn einer Putzfrau Bundeskanzler geworden ist.

    #47007

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