Leo Strauss und der chinesische Sozialismus

Sunday, July 13, 2008
Von Michael Kreutz

Die politische Gefahr des Fanatismus zu erkennen und mit den Instrumentarien der Philosophie zu entschärfen, war ein wesentliches Anliegen des amerikanischen Philosophen Leo Strauss, der in der Weimarer Republik den heraufdämmernden Nationalsozialismus miterlebt hatte. Strauss, der kein Liberaler war[1], empfahl den Intellektuellen, die gesellschaftlichen Verhältnisse dadurch zu verbessern, dass sie die Meinungen der Elite mässigen und der Wahrheit nahebringen.

In den Werken des arabischen Philosophen al-Farabi (gest. 950) sah er den Herrscher durch das geheime Königtum des Philosophen unterminiert, der aus dem Privaten heraus agiert und mit den Mitteln exoterischer Lehre, ohne ihr allzu offen zu widersprechen, die herrschenden Ansichten in seinem Sinne zur Wahrheit führt. Wegen dieser Ansichten gilt Strauss als vermeintlicher Vordenker des amerikanischen Neokonservatismus für viele bis heute als eine Art Darth Vader der amerikanischen Philosophie.[2]

Zwar bin ich kein Straussianer, aber wer glaubt, dessen Ansichten seien Phantastereien, der möge sich einmal das Interview mit dem China-Forscher Sebastian Heilmann in der aktuellen FAS durchlesen. Heilmann beschreibt dort, wie China quasi auf dem Strauss’schen Wege in den Kapitalismus gefunden hat:

Zu Beginn der 1990er Jahre machten einige Reformer den Vorstoß, in China Aktienbörsen auf “experimenteller Basis” zu errichten. Kritiker wurden beruhigt, indem man das ganze Programm als Kapitalbeschaffung für die Staatsbetriebe verkaufte. So sollte der Sozialismus nicht beschädigt, sondern im Gegenteil, gestärkt werden. Das hat sogar die Kommunisten überzeugt, schließlich musste keine Privatisierung befürchtet werden.

Ein weiteres Beispiel sind Chinas ländliche Unternehmer:

Die ursprünglich im kommunalen Eigentum befindlichen Betriebe gerieten in den 80er Jahren zunehmend unter die Kontrolle privater Unternehmer. Die örtlichen Regierungen ließen diese Unternehmen aber weiterhin offiziell als Kollektivunternehmen firmieren. Denn größere Privatunternehmen waren damals noch verboten. Erst als sich die politische und rechtliche Lage klärte, hatten diese Betriebe ihr großes “Coming out” als Privatunternehmen.

Strauss hätte das gewiss amüsiert.


  1. Oder doch?
  2. vgl. Clemens Kauffmann, Anti-Traditionalismus: Die “ideengeschichtliche Programmatik” von Leo Strauss, in: Harald Bluhm / Jürgen Gebhardt (Hgg.), Politische Ideengeschichte im 20. Jahrhundert, Baden-Baden 2006: Nomos, S. 125-53, hier S. 147.
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3 Responses to “Leo Strauss und der chinesische Sozialismus”

  1. N. Neumann

    In den Werken des arabischen Philosophen al-Farabi (gest. 950) sah er den Herrscher durch das geheime Königtum des Philosophen unterminiert, der aus dem Privaten heraus agiert und mit den Mitteln exoterischer Lehre, ohne ihr allzu offen zu widersprechen, die herrschenden Ansichten in seinem Sinne zur Wahrheit führt.

    @ Michael Kreutz

    Dieser Satz ist mir zumindest nicht ganz klar. Wenn ich ihn jedoch richtig verstanden habe, handelt es sich um eine positive Wendung des in der rechten bzw. konservativen politischen Philosophie (etwa bei Arnold Gehlen, “Moral und Hypermoral) negativ konnotierten Sujets der Einflüsterung beim Herrscher, welche die bestehende Ordnung unterminiert.

    Wegen dieser Ansichten gilt Strauss als vermeintlicher Vordenker des amerikanischen Neokonservatismus für viele bis heute als eine Art Darth Vader der amerikanischen Philosophie.

    Ein Dozent für politische Ideengeschichte erwähnte mir gegenüber mal eine von ihm betreute Diplomarbeit zum Thema “Die Neokonservativen und Leo Strauss”, die zum Ergebnis kommt, dass es mit diesem Bezug weniger weit her ist, als häufig angenommen und kolportiert. Pointiert fasste er die Arbeit damit zusammen, dass Paul Wolfowitz als junger Mann wohl noch eine Vorlesung bei Leo Strauss besucht hätte.

    Soviel scheint mir abgesehen davon sicher: Der revolutionäre Liberalismus (so würde ich ihre Leitidee umschreiben) der Neokonservativen hat wenig mit Strauss rigide konservativer politischer Philosophie zun tun.

    Zwar bin ich kein Straussianer, aber wer glaubt, dessen Ansichten seien Phantastereien, der möge sich einmal das Interview mit dem China-Forscher Sebastian Heilmann in der aktuellen FAS durchlesen. Heilmann beschreibt dort, wie China quasi auf dem Strauss’schen Wege in den Kapitalismus gefunden hat:

    Zu Beginn der 1990er Jahre machten einige Reformer den Vorstoß, in China Aktienbörsen auf “experimenteller Basis” zu errichten. Kritiker wurden beruhigt, indem man das ganze Programm als Kapitalbeschaffung für die Staatsbetriebe verkaufte. So sollte der Sozialismus nicht beschädigt, sondern im Gegenteil, gestärkt werden. Das hat sogar die Kommunisten überzeugt, schließlich musste keine Privatisierung befürchtet werden.

    Dass sich Reformer in der KP Chinas gegenüber Betonköpfenköpfen dieser Argumentation bedienten, ist kaum abzuweisen und schlüssig. Ich sehe hier jedoch als Bedingung der Möglichkeit des Erlaubens sowie der Durchsetzung von ökonomischen Reformen weniger die List und Kraft eines, wenn man so will, hegelischen Arguments (den Sozialismus aufheben und bewahren) am Werk, sondern mehr einen Pragmatismus und Utilitarismus auf Seiten der Parteiführung, der selbst gemessen an realsozialistischen Maßstäben exorbitanten ökonomischen Misserfolgen aus der Zeit Maos zu verdanken ist. Zumal sich annehmen lässt, dass Anfang der 90er Jahre der chinesischen Parteiführung der Untergang der aus realsozialistischer Sicht ökonomisch orthodoxen Sowjetunion nicht entgangen ist. Für die Niederschlagung von politischen(!) Reformen hatte sie auf dem Platz des Himmlischen Friedens gesorgt, was stand also, außer Maos reiner Lehre, die ohnehin schon Jahre davor verwässert worden war, noch kapitalistischen Experimenten im Wege?

    So drängte hier wahrscheinlich eher die Wirklichkeit in Form des Misserfolgs zur Idee, als die Idee in Person von reformistischen Einflüsterern zur Wirklichkeit.

    #48918
  2. ad 1)

    Dieser Satz ist mir zumindest nicht ganz klar.

    Farabi war Neoplatoniker und Verfasser einer Schrift über den Idealstaat, als orthodoxer Muslim aber auch Verfechter des Islam. Strauss verstand Farabi so, dass dieser im Falle einer Abwendung des Herrschers von den Prinzipien des Islam nicht etwa den Sturz ebendieses Herrschers für notwendig hielt, sondern dessen Hinführung zur Wahrheit durch die Philosophen.

    ad 2)

    … dass Paul Wolfowitz als junger Mann wohl noch eine Vorlesung bei Leo Strauss besucht hätte.

    Deswegen schrieb ich ja auch “VERMEINTLICHER Vordenker”!

    ad 3)

    So drängte hier wahrscheinlich eher die Wirklichkeit in Form des Misserfolgs zur Idee, als die Idee in Person von reformistischen Einflüsterern zur Wirklichkeit.

    Da wäre ich mir nicht so sicher. Die Islamische Republik Iran und die Junta in Burma sind auch gescheitert und von Pragmatismus weit und breit keine Spur.

    Aber ich gebe Ihnen recht, dass im Falle Chinas es wahrscheinlich genügend Pragmatiker im Pateiapparat gegeben haben wird, damit reformerische Ideen zu Geltung kommen konnten.

    Dass Beispiel China zeigt jedenfalls, dass auch ein totalitärer Staat sich gewaltlos transformieren kann.

    #48919
  3. @Michael Kreutz
    Farabi eine orthodoxer Muslim? Mhmm…

    #48939

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