Der Prager Frühling oder: Mein politisches Erwachen (2)

Friday, August 1, 2008
Von Heinz Eggert

(Forts. vom 25. Juli)

Es sind wohl die selbst empfundenen Defizite, die sich in unserer politischen Überzeugung langsam aber sicher niederschlagen. In Prag war alles von einem Hauch von Freiheit umweht. Langsam begann ich in der DDR die reglementierte Strenge des von Moskau diktierten Sozialismus zu hinterfragen. Deshalb, immer wenn es meine freie Zeit zuließ, war ich in Prag. Wegen der Stadt, wegen Marta und der freien Atmosphäre. An der Grenze gut kontrolliert, besonders nach Zeitschriften und Tonbändern untersucht, kam ich dann wieder in meiner sozialistischen Heimat an. Dann kam der 21.8.1968.

In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 hatte ich in Warnemünde auf dem Stellwerk Dienst. Es war eine laue Sommernacht bei ruhiger See. Zur gleichen Zeit, als ich gegen 23:00 Uhr den Rangier Betrieb mit dem dänischen Fährschiff Kong Frederik beaufsichtigte, sendeten in Prag drei sowjetische Militärtransporter einen Notruf an den zivilen Flughafen in Prag. Sie baten um Landeerlaubnis, die abgelehnt wurde, da sich ganz in der Nähe ein militärischer Flughafen befand. Die Flieger landeten somit ohne Genehmigung auf dem Flughafen. An Bord waren sowjetische Fallschirmjäger die sofort begannen, den Flughafen zu sperren. Nachdem der Flughafen unter deren Kontrolle war, landeten im Minutentakt russische Truppentransporter und luden Panzer und Geschütze aus.

In dieser Nacht sind die Russen und ihre Verbündeten aus Polen, Bulgarien und Ungarn in die Tschechoslowakei einmarschiert. Die Polen marschierten auf dem Landweg über Hradice Kralove ein. Sie waren schon lange vorher an den Grenzen stationiert worden, um angeblich ein Manöver gegen die NATO vorzubereiten. Nur die Truppen der DDR NVA durfte trotz der Bitten des damaligen Staatsratsvorsitzenden Ulbricht an Breschnew, nicht am Einmarsch teilnehmen. Die sowjetische Führung hatte auf den Einsatz der NVA-Einheiten verzichtet, weil tschechoslowakische Funktionäre zuvor darum gebeten hatten. Der Einsatz deutscher Soldaten 30 Jahre nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch die Wehrmacht wurde als gefährliche Provokation empfunden. Nicht schon wieder deutsches Militär in Prag.

Aber diese Zusammenhänge kannte ich damals noch nicht. Woher auch, sie waren nicht bekannt. Fassungslos hörte ich die Nachtnachrichten des verbotenen NDR auf dem im Dienst verbotenen Radio, die auch die Hilferufe der tschechischen Opposition weiter verbreiteten. Von Toten und Verletzten und Widerstand war die Rede. Es war Krieg im Sozialismus. Sozialisten gegen Sozialisten. Meine selbstverständlichen sozialistischen Überzeugungen bröckelten In dieser Nacht ab. Der Funkturm auf dem Jeschken  bei Liberec, war übrigens der letzte, der von den Okkupanten abgeschaltet worden war. Ich sehe ihn jetzt jeden Tag von Zittauer Gebirge aus. In dieser Nacht begriff ich, dass ich zwar noch jung war, die Welt aber nicht mehr offen.

Um 6:00 Uhr morgens war meine Schicht zu Ende. Beinahe zeitgleich war die Staatskanzlei von Alexander Dubček, der politischen Leitfigur des Prager Frühlings, von russischen Fallschirmjägern besetzt worden. Sie hatten den Auftrag, ihn nach Moskau zu bringen. Dort wurde er ins Gefängnis gesteckt. Vorher gelang es ihm noch seinem Bürochef eine Tasche mit Dokumenten zu übergeben, die den Russen nicht in die Hände fallen sollten. Er wusste nicht, dass der schon lange für den KGB arbeitete. Wie menschlich der Sozialismus geworden war, kann man an der Tatsache ablesen, dass Dubcek nicht erschossen wurde, sondern sein Lebensunterhalt als Waldarbeiter verdienen durfte. Das wurde im politischen Westen schon als Zeichen der Entspannung gesehen. Aber auch das wusste ich selbstverständlich in dieser Nacht noch nicht.

Nach der Schicht wurde eine Versammlung vom SED Parteisekretär einberufen. Alle mussten daran teilnehmen. Dann sollten wir – wie es in der DDR üblich war – gleich unterschreiben, dass wir den Einmarsch für richtig hielten, da er der Rettung des Friedens diente. Mir fiel ein Satz ein, dem ich im tschechischen Auslandsjournal Im Herzen Europas gelesen hatte. “Der Mensch hat nicht solange sprechen gelernt, um sich dann das sprechen verbieten zu lassen” (Prochazka). Ich habe mich damals als Einziger geweigert zu unterschreiben.

Zwei Tage später fand bei mir eine Hausdurchsuchung statt. Meine über die Jahre dann sehr angeschwollene Stasiakte bekam ihr erstes Blatt. Ich trat als Protest aus allen Organisationen aus. Es war aber schwierig, in der DDR aus Organisationen auszutreten, denn eines gab es nicht in der DDR: Austrittsformulare. Man sagte mir: “So, du stellst halt die Zahlung ein.” So habe ich die Zahlungen eingestellt und war kein Mitglied mehr. Auf dem Grenzbahnhof durfte ich aus ideologischen Gründen nicht mehr arbeiten. So hat man mich staatlicherseits in eine nicht gewollte, aber überfällige politische Nachdenklichkeit getrieben.

Aber es gab auch zutiefst persönliche Enttäuschungen. Auf einmal rückten Freunde ab. Auch im eigenen Elternhaus verstand keiner meine  Entscheidung. Meine Mutter war der Meinung, ich hätte selbst  meine berufliche Karriere vernichtet. Womit sie ja Recht hatte. Ich hatte dann großes Glück. Nachdem Marta in Prag mit ihren Eltern nach Kanada emigriert war, habe ich meine spätere Frau kennen gelernt, die aus einem christlichen Elternhaus kommt. Sie hat mich mit Studenten der  evangelischen Studentengemeinde zusammengebracht. Ich habe dann über eine Sonderreifeprüfung – in der ich verschwiegen habe, dass ich keinen Abschluss der 10. Klasse hatte – die Zulassung zum Theologiestudium bekommen. In der Bundesrepublik Deutschland  wäre ich niemals Theologe geworden. Der existentielle Anlass hätte gefehlt. Den gab es in der DDR in einer ganz brisanten Weise. Weniger durch die Erleuchtung der Bibel – ich bin auch sehr spät, mit 23 Jahren, konfirmiert worden -, sondern eher durch Dietrich Bonhoeffer, und durch Menschen, die aus christlichem Bewusstsein menschlich Diktaturen widerstanden haben. Damit konnte ich wieder leben.

Und so habe ich mich langsam von dieser DDR-Ideologie wegentwickelt, ohne ein Staatsfeind zu sein, den man gerne aus mir machen wollte. Ich hatte noch viel Hoffnung für die DDR und ihr verbesserungsfähiges menschliches Antlitz, weil ich inzwischen die Forderungen des Prager Frühlings verstanden hatte.

(Teil 2 von 4. Der dritte Teil erscheint am 8. August. Hier geht es zum 1. Teil.)

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