Jeepgespräche

Monday, August 4, 2008
Von Heinz Eggert

Morgenpostkolumne 3.8. 2008
Heinz Eggert

Sie steht in Herrnhut in der Mittagshitze an der Bushaltestelle. Klein, grazil und sportlich sieht sie aus. Aus ihrer Handtasche lugen Blumen. Ich halte mit meinem Jeep und frage sie, ob sie mit nach Zittau will. Sie schaut mich prüfend an und steigt ein. Dann erklärt sie mir, dass sie niemals zu fremden Männern ins Auto steigen würde. Aber mich kenne sie ja aus dem Fernsehen. Ich schätze sie auf knapp 70 Jahre und bin ein wenig verblüfft wegen ihrer Vorsicht. Offensichtlich kann sie gut in Gesichtern lesen. Man muss in jedem Alter aufpassen, sagt sie resolut, schließlich will ich meinen 80. Geburtstag in zwei Wochen ja auch noch feiern.

Man liest doch genug in der Zeitung und im Fernsehen kommt auch schon fast nichts anderes mehr. Zu DDR-Zeiten war ich nicht so vorsichtig. Sie schaut mich lächelnd an und sagt, dass darf man doch noch sagen ohne gleich als Kommunist zu gelten. Ich lächle zustimmend zurück und frage, ob ich sie in der Stadt absetzen soll? Nein, sie wolle auf den Friedhof. Mir fällt ein alter Witz ein, und ich grinse vor mich hin. Offensichtlich kennt sie ihn auch, denn mit jeder Falte ihres Gesichts lächelnd sagt sie, dass sie natürlich nicht auf dem Friedhof bleiben werde, sondern wieder zurückkomme.

Jetzt lachen wir beide und ich wünsche ihr, dass sie noch viele viele Jahre von ihren Besuchen auf dem Friedhof wieder zurückkommen möge. Vielleicht, meint sie; Falls Sie vor mir dort Platz nehmen sollten, besuche ich sie dann auch und gieße ihre Blumen. Sie lächelt schalkhaft und sagt dann: Beim Sterben geht es nämlich nicht nach der Reihe. Stimmt! Das ist der große Irrtum vieler!

Also bleiben wir beim Thema. Schnell sind wir uns einig, dass wir mehr Angst vor dem schmerzhaften Tod in Einsamkeit haben, als vor dem Tod überhaupt. Das geht den meisten so. Aber meint sie dann, eigentlich sind wir in Herrnhut gut dran.

Sie meint das Hospiz in Herrnhut. Früher waren Hospize Orte der Gastfreundschaft für Reisende und Pilger. Jetzt ist es das einzige Haus in Ostsachsen das schwerkranke, sterbende Menschen aufnimmt, damit sie ohne erträgliche Schmerzen und mit ständiger menschlicher Begleitung würdevoll sterben können. Da ich dort ehrenamtlich mitarbeite, kenne ich das schöne und friedliche Haus. Es geht dort sehr familiär zu. Auch die Angehörigen können jederzeit an der Seite der schwer Erkrankten leben oder sie jederzeit besuchen. Es ist auch sehr tröstlich, das für die Schwerkranken oder ihre Angehörigen keinerlei Kosten entstehen.

Da haben wir ja ein Thema erwischt, dass überhaupt nicht in die Sommerferien und in die Sommerhitze passt. Aber wer vom Sterben nichts weiß, versteht auch vom Leben nichts! Oder?

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