Abgehakt?
Morgenpostkolumne 31.8.2008
Heinz Eggert
Ich war sehr gespannt. Eine Fotoausstellung in Liberec, die an den 21.8.1968 erinnern sollte, wurde am Vorabend eröffnet. Ein wichtiger Prager Politiker – dessen Wichtigkeit an der Blaulichtkolonne erkennbar war – hielt die Rede. Junge Journalisten, genauso desinteressiert wie die meisten ihrer Hörer und Leser, interviewten bekannte Persönlichkeiten, die zu dem Tag zwar keinen Bezug hatten, nur da waren und wie immer etwas zu sagen hatten. Hinterher gab es so Sushi und Wein, Bier, Saft, dunklen Espresso und nette Gespräche. Ein Gedenktermin war wieder abgehakt.
Allerdings nicht für alle! Obwohl sie nicht im Übermaß beachtet wurde, war diese Gruppe kaum zu übersehen. Sie waren alt geworden. Aber der21.8.1968 war ihr gemeinsamer Schicksalstag, weil sie sich dem Einmarsch der Russen in ihre tschechische Heimat widersetzten. Sie kannten sich nicht alle, denn der Widerstand war unorganisiert.
Da war der damals noch junge, vom menschlichen Kommunismus überzeugte Lehrer, der wegen antikommunistischer und antisowjetischer Hetze aus dem Schuldienst entlassen wurde und bis 1989 als Bauarbeiter arbeiten musste. Er hatte mit anderen zusammen sämtliche Straßenschilder der Innenstadt ausgetauscht. Jede Straße hieß nun “Dubčekova ulice” (Dubcekstrasse). Damit nahmen sie den Russen die Orientierung und sich selbst die Aussicht auf Karriere.
Da war die Frau, deren ältere Schwester erschossen wurde, als früh um 7:45 Uhr aus einem russischen Panzer – ohne Vorwarnung – das Feuer auf die vor dem Rathaus friedlich versammelten Demonstranten eröffnet wurde. Sie wäre jetzt 66 Jahre alt, sagt sie mit leiser Stimme. Ihre Eltern sind nicht nur am Tod der Tochter verzweifelt, sondern auch an der Tatsache, dass Kommunisten Kommunisten umgebracht haben. Als der Vater diesen Kummer zu öffentlich machte, bekam er vom Geheimdienst den Hinweis, doch wenigstens noch an die Zukunft der noch verbliebenen Tochter zu denken. Da verstummte er ganz.
Da war der jetzt 73-jährige, der damals als tschechischer Militärfotograf die spektakulären Fotos von dem Panzer machte, der auf dem Rathausplatz ein Wohnhaus zum einstürzen brachte. Aus dem Büro der Kommunisten wurde das Bild in die Welt gefaxt. Später fahndete der Geheimdienst nach dem Fotografen, den die Angst vor der Entdeckung nie verließ. Er hatte die Negative in einer Kassette im Museum versteckt, wo er sie 1989 wieder hervorholte.
Jetzt können sie alle sehen, wenn sie denn wollten und dabei lernen – es gibt keine Helden, aber Situationen, wo wir von unseren eigenen Überzeugungen geleitet, instinktiv das Richtige tun müssen. Denn Zivilcourage brauchen wir immer! Oder?
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