Erinnerungen an Jalazoon

By Michael Kreutz · September 10, 2008

Als ich das erste Mal in Israel war, vor nunmehr 17 Jahren, da war ich auch in der Westbank, habe verschiedene palästinensische Dörfer besucht, interessante Leute kennengelernt, ich war in Bir Zeit und Ramallah und auch in einem Flüchtlingslager: Jalazoon. So ziemlich alle Palästinenser, die ich damals kennengelernt habe, waren mir ausgesprochen sympathisch und keiner äusserte irgendetwas, was extremistisch oder antisemitisch hätte genannt werden können.

Dessen ungeachtet mache ich meine politischen Urteile nicht abhängig von persönlichen Sympathien. Sicher, aus europäischer Perspektive lebten die Leute, bei denen ich damals untergekommen war, in sehr bescheidenen Verhältnissen. Es lässt sich aber nicht übersehen, dass es unter der palästinensischen Bevölkerung eine weitverbreitete Mentalität des pemanenten Sich-Von-Aller-Welt-Betrogen-Fühlens gibt. Und diese ist Ursache für Selbstviktimisierung, eine politische Haltung des “Alles oder gar nichts” und letztendlich auch für den Terrorismus eines Teils von ihnen.

Denn den Palästinensern in der Westbank geht es gut, sobald man die Perspektive ändert: Verglichen mit dem Lebensstandard ländlicher Gebiete in Syrien oder Ägypten ist der durchschnittliche Palästinenser in Nablus oder Hebron weitaus besser dran. Das Flüchtlingslager Jalazoon besteht selbstverständlich nicht aus Zelten, sondern aus Häusern aus Stein, mit einem Generator vor dem Haus und fliessend Wasser. Und einem Dach. Anderswo ist das keine Selbstverständlichkeit.

Als ich das erste Mal in Syrien war, in einem Dorf weit ausserhalb von Aleppo, wurde der Unterschied sofort klar: Das Haus unseres Gastgebers war nur zum Teil überdacht und auch die anderen Häuser waren an Komfort einem Flüchtlingslager in der Westbank zumindest in nichts voraus. Aber es gab noch einen weiteren Unterschied: In Syrien konnte unser Gastgeber uns nicht ohne weiteres durch sein Dorf führen, da der allgegenwärtige Geheimdienst, so wurde uns erzählt, sehr darauf bedacht sei, dass sich niemand ein Zubrot als unregistrierter Fremdenführer verdiene. Das nämlich sei strafbar.

Und so schlich unser Gastgeber, sich vorab in alle Richtungen umsehend, dreissig Meter voran, verschanzte sich an einer Häuserecke, bedeutete uns ihm nachzufolgen, worauf er sich an die nächste Ecke heranprischte, uns ein Zeichen gab – und immer so weiter. Ein normaler Spaziergang durch das Dorf war mit unserem Gastgeber unmöglich. In der Westbank dagegen kein Problem.

Auch in Kairo hatte ich selten den Eindruck, dass es den Leuten bessergeht als in der Westbank. Sieht man einmal von wohlhabenden Vierteln wie Zamalek, Maadi oder Mohandesin ab. Besonders befremdlich erscheint in westlichen Augen, dass es in Ägypten Menschen gibt, die auf Friedhöfen hausen, ohne Strom und ohne Wasser. Da möchte man lieber das westliche Ufer des Jordan sein zuhause nennen.

Selbst das historische Judenviertel von Istanbul, in dem ich vor acht Jahren zugegen war, machte einen unerwartet elenden Eindruck und wies augenscheinlich schlechtere hygienische Verhältnisse als die in einem durchschnittlichen palästinensischen Dorf unter israelischer Besatzung auf.

Trotzdem haben Berichte, die von einem Massenelend in den von Israel besetzten (und ehedem besetzten) Gebieten sprechen, ungebrochen Konjunktur. Auch wenn die Lage der Palästinenser (drücken wir es mal vornehm aus:) in vielem verbessert werden könnte – ein Ghetto, ein grosses Freiluftgefängnis, in dem die Menschen dahinsiechen, ist es wahrhaftig nicht, ja im Vergleich zu anderen Regionen in der Arabischen Welt muss man es sogar wohlhabend nennen. Und nun auch noch das:

Palestinian Economy in Judea and Samaria Strengthens in First Half of 2008

The Palestinian economy in Judea and Samaria has shown signs of strengthening since the beginning of the year, according to a recent analysis by the Civil Administration. (…) There have been large increases in the passage of commercial goods as a direct result of the increase in employment licenses and trade permits issued to Palestinian merchants and business owners by the Civil Administration since the beginning of 2008.

There has also been a significant rise in the number of Palestinians using public transportation in the region, as well as a large expansion of the tourism industries in central cities such as Bethlehem and Jericho. Fresh agricultural crops exported to Israel have grown by 25% (despite significant damage caused by the frost that hit the region during the last winter). The “Al Kuds” Palestinian capital markets index has risen, as opposed to the trend on global stock markets, and the successful Bethlehem Investor Conference in May is predicted to lead to an increase in foreign investment.

All these indicators reflect on the significant improvement in the Palestinian economy in Judea and Samaria in the first half of 2008. (…)

Zugegeben, diese Meldung stammt aus dem IDF Spokesperson’s Office (8. September 2008). Allerdings: “The analysis was based on data gathered by the Civil Administration as well as publicly available figures.”

Die Armee weist darauf hin, dass an die hundert Kontrollstationen (in Ziffern: 100) in den letzten Monaten abgebaut wurden. Ebenso wurden mehrere Grenzübergänge, die geschlossen waren, wiedereröffnet. Die Zahl der Inhaber von VIP-Transitausweisen ist ebenso gestiegen, wie die ausländische Investition in der Westbank.

Und nun fragen wir: Wer aus den Reihen der Friedensbewegung will davon wissen?

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