Erinnerungen an den 7. Oktober

Tuesday, October 7, 2008
Von Heinz Eggert

Kalenderblätter aus dem Oybiner Pfarrhaus
Erinnerungen an den 07.10.1989 verstärken die Freude am 03.10.2008

07. Oktober 1989! Der 40. Staatsfeiertag der DDR. In der Oybiner Bergkirche feiern wir Erntedank. Auf der Einladung war vermerkt: Damit wir an diesem Tag auch etwas zu feiern haben. Der Trompeter aus Cottbus kommt zum Konzert eine Stunde zu spät: Viermal an der Grenzstraße zu Polen Polizeisperren. Viermal musste er seine Instrumentenetuis öffnen. Wirklich nur Trompeten.

Nach dem Konzert spricht mich ein Ehepaar an. Sie haben Tränen in den Augen. Der Junge ist mit Freunden verschwunden. Richtung Ungarn. Ein Zettel: Wir rufen euch aus dem Westen an. Der andere Sohn ist in Berlin bei den Grenztruppen. Urlaubssperre. Abends bin ich fassungslos. Vor dem Fernsehen. Jubelnd ziehen Massen in Berlin am Generalsekretär der SED und Staatsratsvorsitzenden der DDR und Vorsitzenden des Verteidigungsrates usw. vorbei.

Später werden die Marschierer sagen, ihre geballten Fäuste in Richtung Tribüne waren ihr Protest gewesen. Die lachenden Gesichter waren nur Tarnung. Warum darf ich erst 1990 erfahren, unter lauter Widerstandskämpfern gelebt zu haben? Sie hatten sich wirklich gut getarnt. Gorbatschow äußert sich in Berlin sybillinisch über die Entwicklung in der DDR. Was er nicht weiß: In wenigen Monaten wird sein Imperium zusammenstürzen.

08. Oktober. Unser Sohn kommt von einer Schulveranstaltung aus dem Pionierlager. Wir wissen nicht – woher auch – das es ein Internierungslager werden soll. Das wir auch auf der Liste stehen. Seine Frage: Wisst ihr schon das die NVA an der Grenze steht? Er meint unsere Grenze. Wir wohnen 130m von der tschechischen Grenze entfernt.

Ich mache einen Erkundungsspaziergang. Kinderwagen liegen in den Gebüschen. Sie hindern bei der Flucht. Familien versuchen, illegal über die tschechische Grenze nach Ungarn zu kommen. Rostocker, Berliner, – Sachsen sowieso. Nachbarn, aufmerksame Grenzhelfer, informieren ihre zuständigen Dienststellen. Ihr Kommentar später: Weißt du sonst wäre ich dran gewesen. Ich weiß. Aber jetzt sind erst einmal die Ertappten dran.

Die Flüchtigen werden auf LKWs verladen. Männer, Frauen und Kinder. Ins Gefängnis. Warum bleiben sie nicht? Die Wende kommt doch. Haben wir doch alle gewusst. Oder? Ich gehe weiter bis an die Grenze. Im doppelten Sinn. Zwei junge Soldaten, mit MPI bewaffnet, fragen Bürger nach Ihrem Personalausweis. Ich sage: Ich bin der Ortspfarrer, ich trage meinen Ausweis nie dabei, wenn ich durch den Ort gehe. Entschuldigen Sie, sagt der Eine, das haben wir nicht gewusst. Sie sind aber verpflichtet, sagt der Andere matt. Die sollen erst einmal in Berlin ihre Pflicht tun, sage ich. Sie nicken.

Am liebsten würden sie ihre Knarre an einen der umweltgeschädigten Bäume hängen und in Richtung Ungarn hinterherlaufen. Vielleicht, sage ich zu meiner Frau, hält sich das hier nicht mehr lange. Vielleicht?

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