Schwache Märkte und starke Menschen
Morgenpost-Kolumne 12.10.2008
Drei Tage war ich in Leipzig. Vorträge, Moderationen beim Fernsehen und im Gewandhaus zum Tag der friedlichen Revolution. Am 9.10.1989 waren rund 70 000 Menschen auf die Straße gegangen, um für Freiheit und Menschenrechte einzutreten. Sie standen 8000 Bewaffneten gegenüber.
Aber es floss – Gott sei Dank! – kein Blut. Die Angst wich, der Mut wuchs und die Mauer stürzte ein. Vor lauter Vorbesprechungen, Begegnungen und Vorbereitungen kam ich jetzt nicht dazu, die Nachrichten und Talkshows im Fernsehen zu verfolgen.
Mir entging der der Anblick der ansonsten starken selbstbewussten Bankmanager, die die Welt zum Spielcasino verkommen ließen und jetzt für das nicht Erklärbare stockend nach Erklärungen suchen. Da sie allerdings ohnehin nicht wissen, an welchem Rad sie erfolgreich drehen können, verpasste ich nichts.
Denn statt auf die Schwäche ihrer Argumente traf ich auf ausgesprochen starke Menschen. Auf einen sehr engagierten Mann, den ich schon lange kenne. Er wirkt immer beweglicher und ansteckend lebenslustiger, als seine Umgebung. Obwohl er an den Rollstuhl gefesselt ist. Aber über diesen will er nicht definiert werden. Dazu erwartet er zu viel vom Leben. Deshalb fordert er das für sich und ähnlich Betroffene auch nachdrücklich ein. Damit macht er ihnen Mut. Er weiß, Klagen und Mitleid nutzen sich ab. Er will zum Leben dazugehören und nicht danebensitzen.
Am nächsten Abend treffe ich nach langer Zeit wieder Mitstreiter von 1989. Unter ihnen auch Bärbel Bohley. Trotz ihrer schweren Krankheit strahlt sie wie immer Freundlichkeit und Zuversicht aus. Sie freut sich wie ein Kind, in der Masse der Menschen mit Kerzen zur Nikolaikirche zu gehen. Auf die Frage, was sie der Jugend empfehlen würde, sagt sie: Vergesst eure Träume nicht. Sie weiß, unsere Träume tragen uns bis ans Ende des Lebens. Wenn wir uns nicht vorher von den trocknen Wirklichkeiten zermürben lassen.
Vor der Nikolaikirche treffen wir auf eine alte Dame, die sich an einem Rollator festhält. Auf meine Frage, ob es nicht zu strapaziös ist, sich an diesem Abend so zwischen 5000 Menschen zu bewegen, erwidert sie lächelnd: “Aber ich gehöre doch hierher! Ich war damals dabei und will jetzt auch dabei sein.” Sie hat damals Gleichgesinnte kennen gelernt. Die Wärme der Begegnungen tut ihr immer wieder gut. Sie ist auch für eine bessere Zukunft ihrer Enkel auf die Straße gegangen. Diese, jetzt schon erwachsen, stehen schützend mit Kerzen in der Hand hinter ihr.
Starke Menschen. Sie sind unser eigentliches Kapital, dass wir nur wahrnehmen können, wenn wir nicht wie gebannt auf die Börsenkurse starren. Oder?
-Heinz Eggert
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