Griechenlands Linke und die “Wurzeln des zionistischen Fundamentalismus”
Das Ende 2006 gegründete ökolinke griechische Blatt “Riksi” widmet sich in der aktuellen Ausgabe seiner Beilage “Ardin” der “Jüdischen Frage und dem Zionismus”. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt sogleich, wes Geistes Kind die Publikation ist. Neben Edward Said kommen dort auch der verstorbene Antizionist Israel Shahak und der Historiker Shlomo Sand zu Wort. Sand vertritt die Ansicht, dass das Judentum eine Erfindung des 19. Jahrhunderts sei, womit er es bis in den “Le Monde diplomatique” geschafft hat. Und der Globalisierungskritiker Giorgos Karabelias, zugleich Herausgeber von “Ardin”, darf sich über die “neue jüdische Frage” auslassen.

Den Höhepunkt bildet der Gemeinschaftsartikel der Redaktion über “Die Wurzeln des zionistischen Fundamentalismus“. Ihm voran steht ein Zitat aus Marxens Schrift “Über die Judenfrage”, die die Autoren für nach wie vor aktuell halten, da sich ihrer Ansicht nach die jüdische Frage auch heute noch im Zentrum der Probleme der zeitgenössischen Welt befinde: “Tatsächlich, vom Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland bis zur Expansionspolitik in Palästina und den Drohungen eines nuklearen Holocaust im Iran – die “jüdische Frage” bleibt ungebrochen, wenn nicht sogar zunehmend, aktuell.” Denn so wie Marx seinerseits den Begriff gebraucht habe, um damit die Kritik am Kapitalismus zu thematisieren, so bezeichne er heute “eine Frage, die einen nie dagewesenen Krieg der Kulturen verursacht hat, insbesondere zwischen dem Islam und den ‘Religionen der Bibel’, d.h. dem Judentum und dem westlichen Christentum.”
Die Juden haben also einen Krieg zwischen dem Westen und dem Islam zu verantworten, findet die “Ardin”-Redaktion. Die naheliegende Schlussfolgerung, das Judentum unschädlich zu machen, könne man natürlich heute nicht mehr ziehen, jedenfalls nicht nach dem Vorbild 1939 ff., “um sich von den Fesseln seiner Ideologie zu befreien.” In diese Falle, so die Redaktion, sei nämlich schon der gute Hitler getappt, der, anstatt die “Kommerzgesellschaft” auszurotten, einen beispiellosen Terror entfacht hat, der wohl irgendwie kontraproduktiv war. Und deshalb kann man heute, leiderleider, die “jüdische Frage” nicht mehr diskutieren, ohne gleich des Antisemitismus oder Rassismus geziehen zu werden.
Da das Verlangen griechischer Ökopaxe, die “jüdische Frage” lösen zu wollen, unstillbar ist, wird das argumentative Sturmgeschütz des Alibijuden aufgefahren: Wird nicht Norman Finkelstein, der Verfasser der “Holocaust-Industrie”, der es gewagt hat, die Wahrheit auszusprechen, von der gesamten amerikanischen Hochschullandschaft “verfolgt”? Und während in Frankreich der jüdische Soziologe Edgar Morin als Antisemit vor Gericht gebracht werde, bleibe nur noch der tapfere Noam Chomsky übrig, dem noch nicht das Recht genommen sei, in den USA seine Meinung offen auszusprechen. Antizionisten sind die wahren Opfer.
Und natürlich die Palästinenser. Eigentlich, so die “Ardin”-Redaktion, sei es nur in Israel selbst möglich, den Zionismus und dessen “rassistische Struktur” anzuprangern. Vor allem aus Israel nämlich seien die “mutigen Stimmen” eines Israel Shahak oder Israel Shamir zu vernehmen. Oder der Neuen Historiker wie Ilan Pappés oder des Antizionisten Michael Warshawski und anderer, ganz zu schweigen vom Mut eines Mordechai Vanunu, der nach 18 Jahren aus dem Gefängnis freigelassen wurde.
Andere Völker zu unterdrücken und auszubeuten, das gehe nämlich nicht lange gut, mault die Redaktion. So habe sich die israelische Gesellschaft in eine undemokratische Gemeinschaft gewandelt und die alten sozialistischen Ideale seien gegenüber den “jüdische Fundamentalisten” aufgegeben worden. Derweil werde die Aussenpolitik von der rassistischen israelischen Rechten beherrscht. Damit vollziehe sich in Israel derselbe Wandel wie im gesamten Westen (zu dem Griechenland bekanntlich nicht gehört). Und natürlich: Israel ist heute der wichtigste Verbündete für die christliche Rechte in den USA. Da habe nach Meinung der Redaktion damit zu tun, dass das Judentum im 19. Jahrhundert innerlich die zionistische Idee in sich aufgenommen habe, wodurch es von einer älteren humanistischen Tradition abgeschnitten worden sei.
Eine bestechende Analyse, müsste man sagen, wenn dies auf Griechenland gemünzt worden wäre. Dort nämlich ist die Entwicklung tatsächlich exakt so verlaufen[1] – auch wenn sich in Griechenland heute vieles zum besseren gewandelt hat. Der völkische Käse von “Ardin” dagegen scheint ein echtes Relikt aus dem 19. Jahrhundert zu sein.
Bildnachweis: Ardin.gr
- ”… the instititutionaliszation of civil liberties, which characterize western parliamentarism,’ did not occur in this country.” (Mouzelis, Politics in the Semi-Periphery, London 1986, p. 6) ⇧
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