Augapfelamputation, Steinigung, Dialog
“Der Dialog ist lehr- und lernbar” freut man sich in der intellektuellen Wohlfühlszene nach dem befreienden Gemeinschaftserlebnis im Schaumbad des Werterelativismus. “Die in Teheran gemachten Erfahrungen mit dem Dialogansatz zeigen, wie groß die Lernbereitschaft der Teilnehmenden ist. Zugleich bleibt es unverzichtbar, auch die eigenen Bilder der fremden Kultur immer wieder zu überprüfen.”
Im Wasserdampf solch treuherziger Bekundungen verschwimmt auch hier wieder der Unterschied zwischen Staat und Bevölkerung. Die Kultur des Iran muss dazu herhalten, das Mullahregime weisszuwaschen. Die Menschen sind nett, also muss das Schlagwort von der Achse des Bösen Propaganda sein. Aber um Analyse geht es im Dialogprozess ja auch gar nicht, sondern um “die Erkundung und Bewusstmachung der Meta-Ebene des Denkens durch bewusste Reflexion.”
Kenntnis von solchen Dingen freilich würde die Harmonie nur stören: Ein Mann, der einem Mädchen mit Säure das Augenlicht nahm, weil es seine Liebe verschmähte, wurde von einem Teheraner Gericht zu demselben Schicksal verurteilt. Die Augäpfel sollen ihm entfernt werden. (Bilder von einer solchen Strafanwendung gibt es hier – Vorsicht, abstossend!)
Zugleich wurde eine Frau wegen Ehebruchs zum Tode durch Steinigung verurteilt. Dies übrigens just an dem Tag, als auf einer in Teheran abgehaltenen Pressekonferenz Sprecher der Justiz verkündeten, dass die Vollstreckung der Steinigung für alle im Iran zu dieser Strafe Verurteilten gestoppt werde. Man kann es natürlich auch so sehen: Immerhin gibt die Staatsmacht jetzt offen zu, dass die Steinigung im Iran offiziell praktiziert wird. Bislang war dies immer abgestritten worden.
Gut möglich allerdings, dass man trotz physischer Anwesenheit in Teheran davon nichts mitbekommt, wenn man sich gerade im “Vertrauensraum (Dialog-Container)” befindet. Immerhin ist das ein unverzichtbares Element im “Baustein Dialogpraxis”. Und wohl auch eine Form der Folter.
(Dank an Nasrin)
–––
Das ist gerade noch einer unterwegs:
http://www.spiegel.de/politik/.....518,5932...