Vorverurteilungen
Morgenpostkolumne 30.11.2008
Heinz Eggert
Am 18.11. saßen Stanislav Tillich und ich zusammen in Moritzburg vor der Kamera und sprachen über seine Kindheit, seine Jugend und sein Leben in der DDR. Natürlich fragte ich ihn auch, warum er 1987 in die CDU eingetreten sei und warum er im Mai 1989 noch die Führungsfunktion beim Rat des Kreises übernommen hatte. Seine Antwort war offen und direkt. Er wollte nicht in die SED eintreten, obwohl er dann Leiter der Konstruktionsabteilung geworden wäre, deshalb die CDU. Also blieb er einfacher Konstrukteur.
Er wusste, dass die DDR-Blockparteien nur ein demokratisches Feigenblatt der SED-Diktatur waren. Richtung und Führung kamen von der SED. Die Blockparteien durften helfen, freudig und unwürdig die SED-Politik mit durchzusetzen. 1989 zog Tillich aus der Nische aus. Ihm war dann das Hemd näher als der Rock. Sagte er. Er wollte in seiner sorbischen Heimat bleiben und sich politisch arrangieren. Damals war er 29 Jahre alt.
Als ich ihm einmal erzählte, dass ich 1990 als Landrat alle Führungskader entlassen hatte, da war ihm das nicht neu. Auch er hätte damals mit zu den Entlassenen gehört. Auch das war ihm nicht neu. Er kannte mich ja. Überraschend für mich war damals seine Reaktion. Er hätte das auch gut verstanden! Überrascht waren wir bestimmt beide über die Schlagzeilen jetzt ein paar Tage später. Da wurde alles vorwurfsvoll enthüllt, was jeder, der es hätte wissen wollen auch hätte wissen können.
Man hätte Tillich nur fragen brauchen. Vielleicht wäre es aber besser gewesen, wenn er ungefragt alle Details von sich aus erzählt hätte, damit man sie rechtzeitig überprüfen und hinterher nicht noch skandalieren konnte. Auf seiner Internetseite agierte er verschämt. Weil er sich seines politischen Irrtums von damals bis heute schämt. Wenn das alle täten, die im DDR Staat weisungsberechtigt waren, wären wir in der Vergangenheitsbewältigung heute schon weiter. Aber die Ehrlichkeit litt auch darunter, dass nach der Wende, etliche aus dem CDU Glashaus mit Fingern auf jene zeigten, mit denen sie zu DDR-Zeiten noch selbst am Staatstisch gesessen hatten. So wurde Sachlichkeit nicht hergestellt.
Allerdings auch nicht, wenn Westdeutsche selbstgerecht über die Lebensbiografien Ostdeutscher urteilen. So diffamiert das SPD-Schwergewicht Nolle jetzt mehr als er aufklärt. Richtig ist: Tillich hat einmal vor 20 Jahren politisch geirrt, ohne zum Täter geworden zu sein.
Das war bei dem Sachsen Herbert Wehner anders. Er denunzierte seine eigenen Genossen beim KGB. Das brachte denen Lager und Tod. 20 Jahre später führte er die SPD Fraktion. Vielleicht sollten wir bei Tillich die Kirche im Dorf lassen. Oder?
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