Büchner als türkischer Staatsideologe

Tuesday, December 2, 2008
By Martin Riexinger

Es geht nicht um Georg, sondern um seinen heute weitgehend unbekannten jüngeren Bruder Ludwig (1824 – 1899). Im 19. Jahrhundert verhielt es sich gerade umgekehrt, der Dramatiker war in Vergessenheit geraten, während der Propagandist des Materialismus einer der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren seiner Zeit war. Politisch war er ein Linksliberaler. Marx und Engels warfen ihm und seinen Gesinnungsgenossen Vogt und Moleschott mangelndes Verständnis für die Dialektik vor. Seither haftet ihnen die polemische Bezeichnung Vulgärmaterialisten an, wenngleich man dem Engelschen “dialektischen” Materialismus wohl kaum größere Gedankentiefe zusprechen kann.

Besondere Popularitiät erlangten seine Schriften bei den Bildungsschichten “rückständiger” Gesellschaften. Das bekannteste Zeugnis findet sich in Dostojevskijs Dämonen, wo ein radikaler Intellektueller aus den Schriften von Büchner Vogt und Moleschott einen Altar errichtet[1]. Er karikiert damit, dass ihre radikale Religionskritik zugleich als Religionsersatz fungierte.

Ähnlich verhielt es sich in der arabischen Welt und bei den osmanischen Türken[2]. Hier kam Büchner deswegen besondere Bedeutung zu, weil durch ihn die Evolutionstheorie bekannt wurde. Allerdings mit der Folge, dass man statt Darwin selbst eben Büchners Flachversion las. Der in Princeton lehrende große Kenner der Jungtürken, Şükrü Hanioğlu, hat in seinen Schriften gezeigt, wie stark Büchner (und Ernst Haeckel) das Denken der jungtürkischen Intellektuellen beeinflusst hat[3]. In einer zweiteiligen Artikelserie (1, 2) für die Zeitung “Zaman” hat er nun gezeigt, wie sehr Büchners Ideen noch die offizielle Bildungspolitik der frühen Republik bestimmten. Hierfür war aber nicht Büchner selbst ausschlaggebend, sondern einer seiner englischen Anhänger, H.G. Wells, der neben den Science-Fiction-Romanen Die Zeitmaschine und Krieg der Welten auch das populärwissenschaftliche Werk The Outline of History verfasste, dessen französische Übersetzung Atatürk (noch als Mustafa Kemal) mit Begeisterung gelesen hatte.

Die Erklärung des Ursprungs der Religion mit dem Versuch primitiver Menschen, das gefürchtete, verstorbene Sippenoberhaupt zu beschwichtigen, wurden ebenso aus diesem Werk in die Schulbücher übernommen wie die Begeisterung für die arische Rasse, allein mit dem Unterschied, dass die Türken zu deren herausragenden Vertretern erklärt wurden. Die von Carl Vogt geprägten Begriffe “dolichocephal” (langschädlig) und “brachycephal” spielten eine wichtige Rolle in der berüchtigten “Sonnensprachtheorie”, nach der das Türkische die “Ursprache” sei[4].


  1. München: Piper, 1986, S. 480
  2. An der Levante und in Ägypten war er bei den meist christlichen Autoren der Wissenschaftszeitschrift “al-Muqtataf” sehr beliebt, hierzu Dagmar Glaß: Der Muqtataf und seine Öffentlichkeit, Würzburg: Ergon-Verlag, 2004
  3. ”Blueprints for a future society: late Ottoman materialists on science, religion, and art” in Elizabeth Özdalga (ed.): Late Ottoman society, London: Routledge Curzon, 2005, S. 28-116
  4. Jens Peter Laut: Das Türkische als Ursprache?: Sprachwissenschaftliche Theorien in der Zeit des erwachenden türkischen Nationalismus, Wiesbaden: Harrassowitz, 2000
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