Lashkar-i Tayyiba, Hintergründe
Bei einem der in Pakistan als Drahtzieher der Anschläge von Bombay Festgenommenen handelt es sich um Zaki ur-Rahman Lakhvi, der zweite Mann des Lashkar-i Tayyiba. Sein Nachname ist Kennern der Geschichte des Islams im Punjab um 1900 nicht unbekannt.
Lakhvi verweist auf das Dorf Lakhoke/ Dist. Ferozpur im heute indischen Teil des Punjab. Dort unterhielt eine Gelehrtenfamilie eine madrasa, an der von den 1890er Jahren an die puritanischen Lehren der Ahl-i Hadis gelehrt wurden. Diese Denkschule war ab den 1830er Jahren in Indien entstanden, nach dem indische Muslime im Jemen die Doktrinen des politisch einflussreichen Gelehrten aš-Šaukānī kennengelernt hatten[1]. Dieser lehnte die vier Rechtsschulen, denen nach traditioneller Auffassung ein Sunnit angehören soll, ab. Er forderte stattdessen, dass juristische Entscheidungen allein auf Koran und Prophetentradition zu beruhen hätten. Zudem war er ein entschiedener Gegner der von den Sufis praktizierten Heiligenverehrung. Da diese gerade in Südasien besonders ausgiebig praktiziert wird, begaben sich die Ahl-i Hadis in Opposition zur Mehrheit der Muslime. Den Briten waren sie zunächst suspekt. Zum einen da etliche von ihnen an die afghanische Grenze zogen und Jihad gegen die Briten führten, zum anderen, weil sie vermuteten, dass sie mit den Wahhabiten in Verbindung stünden. Dieser Verdacht war wegen der Ähnlichkeit der religiösen Lehren nicht ganz unbegründet, doch beruhte die auf gemeinsamen Quellen, vor allem dem Damaszener Gelehrten Ibn Taimiyya (gest 1328). Eine engere Kooperation kam erst in den 1920er Jahren zustande, nachdem die Saudis ihr Reich errichtet hatten.
Der Vorwurf der politische Illoyalität trifft ebenfalls nur teilweise zu, denn etliche Exponenten der Ahl-i Hadis waren vor dem Ersten Weltkrieg dezidiert pro-britisch, weil sie die Dominanz der Hindus fürchteten. Als nach dem Ersten Weltkrieg die Unabhängigkeitsbewegun einen Ersten Höhepunkt erreichte, schlossen sich hingegen viele ihrer Gelehrten dem Indian National Congress an. Gerade die Gelehrten aus Lakhoke machten bei dem Bündnis puritanischer Muslime mit dem indischen Nationalismus nicht mit. Muinuddin Lakhvi verwarf die Kooperation mit dem Indian National Congress und fiel der Polizei durch Hetzreden gegen Hindus auf.
1947 mussten die Lakhvis, wie die gesamte muslimische Bevölkerung des westlichen Punjab fliehen, eine Folge der von ihnen befürworteten Teilung. Sie ließen sich im Distrikt Okara nieder, und gründeten eine madrasa. Zaki ur-Rahman wurde dort geboren und er hatte dort auch seinen Wohnsitz.
Dass Lashkar-i Tayyiba wurde 1989 von Muhammad Said, einem Angehörigen der Ahl-i Hadis, der am Afghanistankrieg teilgenommen hatte, gegründet. Wenngleich Kaschmir dessen Hauptkampfgebiet ist, rekrutiert es seine Anhänger vorwiegend aus jenen Regionen des Punjab, wo die Ahl-i Hadis stark vertreten sind. Dies sind neben Lahore und Gujranwala vor allem die Bewässerungsgebiete (canal colonies) um Faisalabad, wo sich nach 1947 viele der aus den alten Ahl-i Hadis Hochburgen Amritsar und Ferozpur Vertriebenen niedergelassen hatten.
- Bernard Haykel: Revival and Reform in Islam: The Legacy of Muhammad Al-Shawkani, Cambridge: University Press, 2003 ⇧
