Das Bild der Kreuzzüge als westliches Konstrukt

Tuesday, December 16, 2008
Von Michael Kreutz

Der französische Arabist und Historiker Rémi Brague hat einmal darauf hingewiesen, dass die Bedeutung der Kreuzzüge in der Islamischen Welt meist überbewertet wird. Tatsächlich waren die Kreuzzüge dort völlig in Vergessenheit geraten, bis im 19. Jahrhundert eine ins Arabische übersetzte französische Histoire des croisades (1812-22) von Joseph-François Michaud sie ins kollektive Bewusstsein rückte.

Der Übersetzer, so Brague, musste dabei neue Wörter für Kreuzzug und Kreuzfahrer erfinden, die es bis dahin im Arabischen nicht gab. Ein seit Jahrhunderten bestehendes, auf die Kreuzzüge zurückgehendes muslimisches Trauma ist folglich eine Fiktion: “Ein großer Teil des Bildes, das man im Mittleren Osten von den Kreuzzügen hat, ist (…) eine vom Westen inspirierte Rekonstruktion.” Tatsächlich waren für die Arabische Welt des Mittelalters Byzanz und die Fatimiden weitaus bedeutendere Gegner, die entsprechend weitaus grössere Aufmerksamkeit auf sich zogen.

Der Kirchenhistoriker Jonathan Riley-Smith, der verschiedene Werke zur Geschichte der Kreuzzüge vorgelegt hat, weist jetzt in einem Beitrag darauf hin, wie absurd daher der Bezug islamistischer Rhetorik auf die Kreuzzüge ist. Wie auch Brague, so konstatiert Riley-Smith, dass das Image der Kreuzzüge im Westen selbst entstanden ist. Gegenläufige Darstellungen im 19. Jahrhundert, die zwischen Romantisierung (Michaud) und Demaskierung (Scott) oszillierten, reduzierten sich auf eine einzige Sichtweise – und zwar sowohl im Westen wie auch im Vorderen Orient:

(…) with the decay of imperialism in the twentieth century these contradictory visions fused in the West into a historiographical tradition which still colors popular conceptions and a similar convergence occurred in the Muslim world, although it was expressed in different terms.

Der aufkommende arabische Nationalismus machte sich dieses Ideologem zu eigen und bezog die Kreuzzüge recht bald auf den jungen Staat Israel, der in der politischen Rhetorik zu einer späten Frucht europäischer Kreuzzugsmentalität umgedeutet wurde, bevor die Islamisten auf diese Rhetorik einschwenkten. “It is notable that the West has not tried to counter their historical vision, in spite of the fact that it is obviously a distortion of reality” lautet daher Riley-Smith’ Schlussfolgerung.

In der Tat sieht es ganz so aus, als ob der Westen die Deutungshoheit über die Kreuzzüge offenbar stillschweigend an die Islamisten abgetreten hat.

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