Die Türkei und ihre Vorstädte

Monday, December 15, 2008
By Martin Riexinger

Acht Millionen erwachsene Türken leben in den Vorstädten (varoş) der Metropolen und Mittelzentren. Die behelfsmäßigen Bauten der Landflüchtigen (gecekondu) von einst sind meist längst tristen Hochhaussiedlungen gewichen. Die Wertvorstellungen ihrer Bewohhner wurden jüngst in “Radikal” auf der Grundlage einer großangelegten Umfrage des Instituts KONDA dargestellt (1, 2, 3, 4, 5, 6, 7).

varoş-Bewohner haben das geringste Einkommen und den niedrigsten Bildungsstand. 71% der Frauen haben nur die Grundschule oder überhaupt keine Schule besucht. Sie sind in vieler Hinsicht der Landbevölkerung näher als der Statdbevölkerung, oder gar noch konservativer. Zusammen mit der Landbevölkerung befürworten varoş-Bewohner am seltensten allein im gegenseitigen Einvernehmen der Partner geschlossene Ehen (25%).

Ihre Wertvorstellungen erweisen sich als kollektivistisch und konservativ. Die große Mehrheit ordnet das Wohlergehen von Familie, Nachbarschaft, Nation und den Menschen aus der Herkunftsregion (hemşehri) dem eigenen über. Abstrakt gefragt lehnen sie neue Technologien, Produkte, Gedanken heftiger ab als die Landbevölkerung. Bei konkreten Fragen sind die Abweichungen vom (nach hiesigen Vorstellungenen reaktionären) Durchschnitt gering. Eine knappe Mehrheit würde einen Ehepartner anderer ethnischer Herkunft akzeptieren, nur sehr wenige würden “andere sexuelle Vorlieben” ihrer Kinder gutheißen. Die Orientierung an der Gemeinschaft aus der Herkunftsregion (hemşehrilik) nimmt bei den Jüngeren jedoch deutlich ab.

Die Überzeugung, dass das Land demokratisch regiert werden müsse ist bei ihnen sogar etwas stärker verankert. Eine EU-Mitgliedschaft lehnen sie jedoch in stärkerem Maße ab, während sie am meisten Interesse an einem (gar nicht zur Diskussion stehenden) Bündnis mit den Turkrepubliken zeigen. Gleichwohl ist das Interesse an Fremdsprachen groß und viele besuchen Kurse. Fremdsprachenkurse werden darüber hinaus für wichtiger als Korankurse gehalten. Kulturangebote werden, angesichts der niedrigen Einkommen wenig überraschend, kaum genutzt, Hauptfreizeitvergnügen der Männer ist das Kaffeehaus, Urlaub heißt im Normalfall eine Fahrt ins Heimatdorf, außer dem Fernsehen wird kaum ein Medium genutzt. Letztlich werden nach Auffassung der Autoren in den Metropolen ländliche Verhaltensmuster fortgeführt.

Überraschend wenig unterscheiden sich die varoş-Bewohner politisch vom türkischen Durchschnitt, bei der Parteipräferenz gibt es kaum eine Abweichung. Die bei der Elite verbreitete Auffassung, sie ließen sich für einen Sack Kohle ihre Stimme von AKP abkaufen, erweist sich folglich als realitätsfernes Vorurteil. Ganz ohne empirischen Kern ist diese Vorstellung dennoch nicht, dennzur Zeit der gecekondus konnten Politiker mit der Legalisierung von Bauten und ähnlichem durchaus Wahlen gewinnen. Durch eine derartige Klientelpolitik sind die varoş-Bewohner aber wohl nicht mehr zu gewinnen.

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