Tertiärwissenschaft

Wednesday, February 18, 2009
Von Michael Kreutz

In den Geisteswissenschaften sind derzeit alle Signale auf Dialog gestellt. Zu entsprechenden Veranstaltungen wird daher gerne auch mal ein “jüdischer Intellektueller” oder ein muslimischer eingeladen, obwohl die Auswahl der Teilnehmer eigentlich blind für Religionszugehörigkeiten sein sollte[1]. Immer häufiger scheint es trotz wissenschaftlichen Anspruchs nur noch an zweiter Stelle um Erkenntnis und ergebnisoffene Forschung zu gehen, sondern hauptsächlich um Verständigung und Empathie. Damit sind die ganzen Dialogereien offenkundig mehr als eine harmlose Modeerscheinung.

Ich mag mich irren (quantitative Studien hierzu liegen mir nicht vor), aber die Marotte scheint um sich zu greifen – ich formuliere es bewusst vorsichtig –, dass in den Kulturwissenschaften immer mehr Papiere und Veröffentlichungen nur noch aus deutsch- und englischsprachiger Sekundärliteratur zusammengestückelt werden und ein reines Tertiärschrifttum bilden, das nur wenig an neuen Erkenntnissen zutage fördert. Die Angabe von Referenzen scheint auch immer häufiger für ein Ärgernis und überflüssigen Ballast gehalten zu werden.

Damit einher geht – auch dies nach meiner ganz subjektiven Einschätzung –, dass die Philologien sich trotz grösser werdender Immatrikulationszahlen der entsprechenden Fächer an den Universitäten einer wachsenden Philologieskepsis gegenübersehen. Eine Kostprobe davon finden wir im Vorwort von “Islamic Roots of Capitalism: Egypt, 1760-1840″ (New York 1998), dessen Verfasser Peter Gran mit haarsträubenden Thesen aufwartet:

“For philologists, what one thinks can be broken down into words; which word has a discrete meaning, the sum of the words equal the sum of the meaning.” (…) What philologists appear to be concerned with is authority and power through language not language per se. How most people speak, how they read, and what they understand are dismissed by philologists as a problem called diglossia. (…) The peasantry of the Ottoman Empire were the sheep, one of my teachers used to say. For me this was outrageous, yet from the point of view of philology, he was correct.”[2]

Die Behauptung, dass die Philologie die Bedeutung eines Satzes aus der Summe seiner Teile ermittelt, ist dermassen abstrus, dass sie hier nicht weiter kommentiert zu werden braucht. Nicht minder an der Realität vorbei geht auch die Behauptung, dass Philologien innerhalb der Grenzen einzelner Sprachfamilien verharren:

“History studied as philology is not really history. (…) If the ordinary historian is oriented to advances in the discipline of history on a world scale, the historian trained as a philologist is not. He or she remains encased inside a particular language, or language group, like Semitics.”[3]

Dem könnte man leicht entgegenhalten, dass die drei wichtigsten Sprachen in der Orientalistik Arabisch, Persisch und Türkisch sind, die bekanntermassen drei verschiedenen Sprachfamilien zugehören, wie es auch weitere philologische Disziplinen gibt, die verschiedene Sprachen unterschiedlicher Herkunft  wegen ihrer geographischen und kulturellen Nähe untersuchen (Balkanologie, Kaukasiologie etc.). Die eigentliche Frage lautet daher nicht ”Can philology be resisted? Is capitulation the only way to survive in the modern academy?” (Gran 1998:xxii.), sondern die, wie ein solcher Schmonzes wie der von Gran überhaupt so populär werden konnte.

Dazu muss man bis auf die Anfänge dieser Entwicklung zurückgehen. Mit Edward Said beginnt der Aufstieg der “Postcolonial studies”, für die der Ausdruck “postscientific” wohl angemessener wäre. In dem einzig lesenswerten Buch von Said, “Culture and Imperialism”, finden wir zum Beispiel die erstaunliche Kritik an Akademikern wie Bernard Lewis, Daniel Pipes u.a., dass diese eine Linie vertreten, die “opposed to native Arab or Islamic nationalism” stehe und die fachliche und journalistische Diskussion beherrsche.[4] Said war überzeugt, dass nur eine native Geschichtsauffassung auch die einzig richtige sei.

Diese an sich schon wissenschaftsfeindliche Einstellung, die sich gar nicht mehr mit Details, Thesen und Quellen auseinanderzusetzen die Mühe gibt, mündet dann geradezu zwangsläufig in die romantische Forderung nach der literarischen Schaffung einer “Dritten Natur” (die zweite ist die wissenschaftliche Welt), die eine authentische Beschreibung der einheimischen Kultur vermittelt, “not pristine and pre-historical (…) but deriving from the deprivations of the present.”[5] Dieser Ungeist macht sich in den Kulturwissenschaften immer deutlicher bemerkbar. Der israelische Politikwissenschaftler Gerald M. Steinberg (Bar Ilan-Universität) urteilt deshalb völlig richtig, wenn er sagt:

“Thus, postcolonial ideology in peace studies programmes promotes an agenda based on Chomsky’s ‘empowerment’ of Said’s legendary ‘other’—the outsider, the refugee and the postcolonial victim. This agenda extends to political advocacy and action, including at times support for terrorism and violence, in the name of this subjective social justice.”[6]

Die USA sind hierin schon etwas weiter. Victor Davis Hanson, emeritierter Altphilologe, hat schon vor zwei Jahren beschrieben, wie die universitäre Landschaft in den USA immer häufiger ein “therapeutisches Curriculum” anstelle der Beschäftigung mit harten Fakten setzt. In einem Beitrag für das “City Journal” beschreibt derselbe Autor, wie sich die klassischen Fächer vom amerikanischen Campus verabschieden. Wohlgemerkt, es geht hier nicht um Granteleien Ewiggestriger und die Sehnsucht nach dem Althergebrachten, sondern um die grundsätzliche Frage, was eine universitäre Ausbildung eigentlich leisten soll: Erkenntnis und die Vermittlung wissenschaftlicher Fertigkeiten, oder eine nebulöse Empathie für das “Andere”, bei der Fakten eher selektiv gehandhabt und eine ergebnisoffene Forschung als störend empfunden wird.

Womit wir beim vorerst letzten Akt dieses akademischen Elends wären. Wenn die Grundlagenforschung zurückweicht, um dem Verständnis für das “Andere”, dem Kampf gegen den “Eurozentrismus” und anderen Schimären zu weichen, dann führt die Reise unweigerlich zum Kulturrelativismus, der allerorten von sich Reden macht. Denn das “Andere” hat immer recht und wer das nicht sieht, muss ein Eurozentrist sein. Die Institutionalisierung dieses Relativismus auch in den Kulturwissenschaften scheint mittlerweile das unabwendbare Schicksal geisteswissenschaftlicher Fakultäten zu sein.


  1. Ein Beispiel s. hier; man achte auf die Zusammensetzung des ersten Panels am Freitag. Ein weiteres hier. Die Gegenüberstellung von Iran und Israel ist ganz besonders herzig: Iranische Muslime arbeiten an einer Reform des Welajat-e faqih-Prinzips, jüdische Israelis an einer des Zionismus. Mehr Äquidistanz geht nicht. Den gesamten Text durchzieht ein beständiger Paternalismus. Zugleich ist der Text ein schönes Dokument für die Politisierung von Wissenschaft.
  2. Introduction xxi-xii.
  3. ebd.
  4. Culture and Imperialism, 1994: 315.
  5. Culture and Imperialism, 1994: 272.
  6. Gerald M. Steinberg, 2008. Postcolonial Theory and the Ideology of Peace Studies, in: Philip Carl Salzman and Donna Robinson Divine (eds.): Postcolonial Theory and the Arab-Israel Conflict. London and New York: Routledge, S. 109-19, hier S. 113.
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One Response to “Tertiärwissenschaft”

  1. Zur Problematik Philologie vs. “Theorie” auch hier, S. 621-630.

    #52423

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