Gazaberichte und Leserinteresse in der Türkei

Thursday, January 8, 2009
Von Martin Riexinger

Fast alle türkischen Zeitungen überbieten sich momentan mit anti-israelischer Propaganda. Um in Erfahrung zu bringen, ob ihre Leser das Thema wirklich für so vorranging halten, habe ich, wo dies möglich ist, einmal die Liste der meistgelesenen Artikel durchgecheckt.

  • Taraf (linksliberal): kein Artikel unter den ersten zehn
  • Sabah (Wirtschaft und Klatsch, regierungsnah): dito
  • Cumhuriyet (dogmatisch kemalistisch): keiner unter den ersten fünf
  • Zaman (”moderat” religiös, Fethullah Gülen): ein anti-israelischer Kommentar auf fünf, ein Bericht über den Raketenbeschuss aus Libanon auf sieben
  • Yeni Şafak (regierungsnah): Raketenangriff aus dem Libanon fünf, die angebliche Ausladung von Livni aus Ankara sieben, ein Interview mit einem antizionistischen jüdischen Autor aus Istanbul neun, ein “al-Manār”-Bericht über einen israelischen Rakentenangriff auf den Libanon zehn. Das Interview mit Roni Margulies ist allerdings der am meisten verschickte Artikel.
  • Milli Gazete (Parteizeitung der islamistischen Saadet Partisi): alle zehn, vor allem Berichte über die eigene Demonstration in Istanbul

Die Ergebnisse mag verzerren, dass gestern bei einer Razzia mehrere Personen festgenommen wurden, die an der Ergenekon-Verschwörung beteiligt sein sollen. Besonders groß ist das Interesse nur bei zwei dezidiert islamischen Zeitungen. Die “Milli Gazete” möchte vor allem Erdoğan als Lakai des Westens entlarven. Die Resonanz anti-israelischer Propaganda in “Yeni Şafak” zeigt aber, dass jener offenkundig Probleme damit hat, seine außenpolitischen Ambitionen als Nahostmakler seiner Kernanhängerschaft zu vermitteln. Dies dürfte der Grund dafür sein, dass er in der Türkei einen scharfen Ton anschlägt, von dem er wohl hofft, dass er in Israel und den USA nicht wahrgenommen wird. Bei “Sabah” spielt Gaza in der Berichterstattung eine eher geringe Rolle, aber auch die Leser von “Zaman”, “Cumhuriyet” und “Taraf”, wo das Thema in den Kommentarspalten vorrangig und einseitig behandelt wird, scheinen andere Dinge weit mehr zu interessieren.

Technische Anmerkung: Nur bei “Taraf” lässt sich die Liste als eigene Seite aufrufen.

_____________________

Nachtrag 9.1.2009

Die Tendenz von gestern hat sich heute bestätigt. Bei “Radikal” hatte ich gestern übersehen, dass dort ebenfalls die fünf meistgelesenen Artikel genannt werden. Darunter ist keiner zum Thema Gaza.

Eine Meinungsumfrage, die “Milliyet” heute veröffentlicht hat, spricht für meine Mutmaßung hinsichtlich der Gründe für Erdoğans Verbalattacken. Bei den anstehenden Kommunalwahlen in İstanbul drohen der AKP empfindliche Verluste, nicht zuletzt weil die islamistische Saadet Partisi wieder zu erstarken scheint.

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17 Responses to “Gazaberichte und Leserinteresse in der Türkei”

  1. Besonders Milli Gazete ist schlimm. Aber auch einige gut besuchte türkische Portale überbieten sich mit antisemitischer Hetze.
    Aber ich würde nicht sagen, das die kritischen Artikel über den Krieg in Gaza unbedingt schlecht sind. Es gibt auch viel zu kritisieren. Das ist so eine Sache mit der Einseitigkeit, wenn sie die anderen praktizieren, ist es schlecht, aber die eigene Einseitigkeit ist immer gut. Bei einigen Blogs frag ich mich manchmal, ob die Blogger vom IDF eingestellt wurden, damit sie PR machen. Die machen das richtig gut, schon fast quasi-religiös ernsthaft.

    #52144
  2. Serdar, nennen Sie doch bitte Namen :)
    Ohne Namen ist das Ganze nicht so würzig.

    Also den einzigen , kritischen Kommentar, den ich bis jetzt entdecken konnte ist folgender von Burak Bekdil. Voila

    #52148
  3. Da fehlt irgendwie das Wörtchen “guten” vor kritischen.

    #52149
  4. Nun das liegt daran, das ich nicht alle kenne. Einige sind wirklich gut. Die Absicht dieser Kritiken ist verschieden. Die einen haben sowieso einen Hass auf Juden, die anderen lehnen es aus humanitären Gründen ab. Dann gibt es welche, die sind Pazifisten. Und die Pragmatiker natürlich. Ach ja dann gibt es natürlich jene, die sprechen das natürlich nicht aus, die davon begeistert sind, wie die Israelis das machen und würden das auch gerne gegen die Kurden machen. Ich würde schon sagen, das es eine gewisse Affinität türkischer Militärs zu den Maßnahmen des IDF gibt.

    #52153
  5. Ich überlege mir, ob ich mal eine Zusammenstellung der Artikel mache.

    #52154
  6. @ Serdar

    Aber ich würde nicht sagen, das die kritischen Artikel über den Krieg in Gaza unbedingt schlecht sind.

    Kritik am israelischen Vorgehen, welche die Faktenlage zur Kenntnis nimmt, habe ich nichts einzuwenden, etwa wie Abdelwahhab Meddeb, kann man durchaus diskutieren:

    Das Grauen vor der rückwärtsgewandten Debatte über den Begriff des shahid, des Märtyrers. Die gesamte arabische und islamische Welt nimmt an ihr teil, dabei handelt es sich um nichts anderes als um Tote und Verletzte in einem Krieg. Sie sind keine Gottgeweihten, sondern Opfer von Menschen, von erbärmlich unfähigen politischen Führern, die nicht einmal über die kleinsten Grundkenntnisse der Kriegstechnik und der Politik verfügen.

    Das Grauen vor den arabischen Fernsehanstalten (ich denke insbesondere Al Dschazira), die selbstgefällig, in Großaufnahmen und mit Zooms die blutverschmierten, entstellten, entseelten Gesichter filmen, und deren morbide Montage nur dazu dienen soll, eine arabische Öffentlichkeit zu erregen, die in ihrer Identifikation mit den Palästinensern untröstlich ist.
    [...]
    Das Grauen vor dem Technik-Kult, in Entsprechung zum Märtyrerkult, den Zipi Livni illustriert, mit ihrem fast friedvollen Lächeln im Elysée-Palast neben Präsident Nicolas Sarkozy und ihrem Amtskollegen Bernard Kouchner. Das Lächeln politischer Weltläufigkeit, während Kinder und Frauen unter hochpräzisen Bomben sterben. Bei dieser Gelegenheit hat Frau Livni geäußert, die “humanitäre Feuerpause”, die ihre Gastgeber vorgeschlagen hatten (und die inzwischen ausgerufen worden ist, Anm. d. Red.), sei gar nicht notwendig. Das Grauen, wieder vor Zipi Livni, die nach der Bodenoffensive ihrer Armee befand, es sei unmöglich, zivile Opfer zu vermeiden, da die Kämpfer der Hamas sich inmitten der Bevölkerung bewegten.

    Dieses Grauen steigert noch jenes vor der Hamas und ihrer Strategie, die Bevölkerung als Geisel zu nehmen, was im Zusammenhang mit dem Djihad, dem heiligen Krieg, auf den sie sich beziehen, “ein menschliches Schutzschild” genannt wird.

    [...]

    Das Grauen vor der tschechischen Erklärung, die im Namen der Europäischen Union abgegeben wurde, und die behauptete, Israel könne sich auf das Recht der Selbstverteidigung berufen, was es von jedem Kriegsverbrechen reinwaschen würde.

    So etwas habe ich in der türkischen Presse aber nicht gelesen. Für entsprechende Hinweise bin ich natürlich dankbar.

    #52157
  7. @ Vergil

    Danke für den Artikel, in “Hürriyet” schau ich meist nicht rein, da zu doof, aber das ist mal eine Ausnahme.

    #52158
  8. Ja, Recht haben sie.
    Diese Seite war bis vor ein paar Monaten noch die Turkish Daily News.

    #52159
  9. Martin diesen Artikel sollten sie lesen.
    So ungefähr ab der Mitte wirds interessant.

    #52165
  10. Sehr interessant, besonders die Abschnitte darüber, wie Kommunalpolitik (= Korruption) funktioniert. Allerdings gibt es, was die Institutionen angeht unter den EU-Mitgliedern wohl schlimmere Fälle, und nicht nur bei den neu beigetretenen.

    Ein sachlicher Fehler: Der Angriff auf das Oberste Berufungsgericht war ein gefakter islamistsicher Anschlag, die Täter kamen aus der nationalistischen Ecke. Ich habe das seinerzeit hier behandelt.

    Verblog(gen) sie/ du den Text doch.

    #52172

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