Gazaberichte und Leserinteresse in der Türkei
Fast alle türkischen Zeitungen überbieten sich momentan mit anti-israelischer Propaganda. Um in Erfahrung zu bringen, ob ihre Leser das Thema wirklich für so vorranging halten, habe ich, wo dies möglich ist, einmal die Liste der meistgelesenen Artikel durchgecheckt.
- Taraf (linksliberal): kein Artikel unter den ersten zehn
- Sabah (Wirtschaft und Klatsch, regierungsnah): dito
- Cumhuriyet (dogmatisch kemalistisch): keiner unter den ersten fünf
- Zaman (”moderat” religiös, Fethullah Gülen): ein anti-israelischer Kommentar auf fünf, ein Bericht über den Raketenbeschuss aus Libanon auf sieben
- Yeni Şafak (regierungsnah): Raketenangriff aus dem Libanon fünf, die angebliche Ausladung von Livni aus Ankara sieben, ein Interview mit einem antizionistischen jüdischen Autor aus Istanbul neun, ein “al-Manār”-Bericht über einen israelischen Rakentenangriff auf den Libanon zehn. Das Interview mit Roni Margulies ist allerdings der am meisten verschickte Artikel.
- Milli Gazete (Parteizeitung der islamistischen Saadet Partisi): alle zehn, vor allem Berichte über die eigene Demonstration in Istanbul
Die Ergebnisse mag verzerren, dass gestern bei einer Razzia mehrere Personen festgenommen wurden, die an der Ergenekon-Verschwörung beteiligt sein sollen. Besonders groß ist das Interesse nur bei zwei dezidiert islamischen Zeitungen. Die “Milli Gazete” möchte vor allem Erdoğan als Lakai des Westens entlarven. Die Resonanz anti-israelischer Propaganda in “Yeni Şafak” zeigt aber, dass jener offenkundig Probleme damit hat, seine außenpolitischen Ambitionen als Nahostmakler seiner Kernanhängerschaft zu vermitteln. Dies dürfte der Grund dafür sein, dass er in der Türkei einen scharfen Ton anschlägt, von dem er wohl hofft, dass er in Israel und den USA nicht wahrgenommen wird. Bei “Sabah” spielt Gaza in der Berichterstattung eine eher geringe Rolle, aber auch die Leser von “Zaman”, “Cumhuriyet” und “Taraf”, wo das Thema in den Kommentarspalten vorrangig und einseitig behandelt wird, scheinen andere Dinge weit mehr zu interessieren.
Technische Anmerkung: Nur bei “Taraf” lässt sich die Liste als eigene Seite aufrufen.
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Nachtrag 9.1.2009
Die Tendenz von gestern hat sich heute bestätigt. Bei “Radikal” hatte ich gestern übersehen, dass dort ebenfalls die fünf meistgelesenen Artikel genannt werden. Darunter ist keiner zum Thema Gaza.
Eine Meinungsumfrage, die “Milliyet” heute veröffentlicht hat, spricht für meine Mutmaßung hinsichtlich der Gründe für Erdoğans Verbalattacken. Bei den anstehenden Kommunalwahlen in İstanbul drohen der AKP empfindliche Verluste, nicht zuletzt weil die islamistische Saadet Partisi wieder zu erstarken scheint.
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Naja so neu ist das in der Türkei nicht mit der Kommunalpolitik. Steht ab und an in türkischen Zeitungen. Wahrscheinlich ist das sogar ein Schicksal. Ich weiß nur eins: Wenn statt der AKP jetzt die CHP an der Macht wäre, tja dann gäbs kein TRT 6 auf Kurdisch.
Kritik sollte an der AKP gerade deswegen geübt werden, das sie ihren Anspruch nicht einlöst. Was ich in letzter Zeit so höre sind nationalistisches Gehabe und dem martialischen Auftreten von Erdogan, der mir immer unsympathischer wird.
Warum gibt es keine Partei der Liberalen oder eine freiheitliche Linke, die eine Alternative zur AKP wären? Das ist wohl auch Schicksal.
> TRT 6
Erklärung: kurdisches Programm im staatlichen Fernseheh, zu Jahresbeginn wurde der Sendebetrieb aufgenommen.
Weniger mit Blick auf die Korruption, sehr wohl hingegen mit Blick auf den Klientelismus. Das erklärt vielleicht auch so manches im Zusammenhang mit der umstrittenen Studie über den konservativen Konformitätsdruck. Die Klage der Aleviten über Diskriminierung kontrastiert ja mit der offiziellen Politik der Öffnung gegenüber den Aleviten. Die AKP-Politiker auf lokaler Ebene tun subjektiv möglicherweise nichts anderes als “ihre Leute” positiv zu diskriminieren. So sieht das wohl auch Murat Belge.
Ein enormes Problem ist natürlich die 10% Hürde, bzw., dass auf Provinzbasis gewählt wird, was de facto oft zu einer 25%, 30% Hürde führt. Da haben Parteien, die nur kleine Bevölkerungssegmente repräsentieren keine Chance.
“Ich weiß nur eins: Wenn statt der AKP jetzt die CHP an der Macht wäre, tja dann gäbs kein TRT 6 auf Kurdisch.”
Das können sie so nicht sagen.
Ende November ist in der CHP etwas revolutionäres passiert. Erinnern sie sich? Ja genau, das hier!
Teile der CHP haben anscheinend erkannt, dass der beste Weg, der Weg nach vorne ist.
Ja das war kurios.
Im Dezember hat eine Abgeordnete behauptet die Mutter von Gül sei Armenierin, weil er über die Armenierkampagne gesagt hatte, so etwas gehöre zu einer Demokratie…
Canan Arıtman ist eine verrückte Rassistin.
Aber eine Vorteil hatte die Unterstellung, denn die CHP ist mitlerweile um Schadensbegrenzung bemüht, sodass sie auch zu solchen Schritten bereit ist.
Von den 1970er bis in die frühen 1990er Jahre dürften die meisten der wenigen Nichtmuslime für die “linken” Parteien gestimmt haben. Erst die Rückkehr zum ethnozentrischen Kemalismus hat sie vertrieben.
@Vergil
Ich bin mir nicht sicher, wie ich die Aktion der CHP beurteilen soll. So revolutionär war das nun nicht. Es gab in der vorrigen Wahl auch Transparente mit Kopftuch tragenden Frauen. Die jetzige Aktion hat ja auch zu Diskussionen geführt. Solange aus dieser Aktion keine Konsequenzen gezogen werden, z.b Studentinnen mit Kopftuch an die Unis zu lassen, ist das für mich nur Wahlkampagne um die Konservativen abzuzweigen. Sonst nichts.
Was TRT 6 betrifft, glaub ich schon, das ich das so sagen darf. Erst neulich hat Baykal gemeint, das dieser Schritt falsch wäre. Hab den Link nicht gerade zur Hand, liefere ich aber nach.
Weiterhin hat die CHP geäußert, das die jetzige Verfassung in den Jahren soviele Veränderungen erfahren hat, das eine neue Verfassung nicht nötig wäre.
Die CHP ist keine ernstzunehmende Oppositon, die Aufgabe übernimmt auch die AKP. So das sie sich selbst im Weg steht. Bei jeder großen Reform, die sie präsentiert (Neuordnung der öffentlichen Verwaltung, Neue Verfassung usw.) zieht sie den Schwanz ein, anstatt die Zähne zusammenzubeißen und es durchzupauken.
Martin solangsam glaube ich auch, das die AKP ihre eigenen Leute bevorzugt in den Ämtern (und schmiert) und es mit den Reformen nicht mehr so ernst nimmt.
Klar, wenn die Wahlhürde nicht mehr 10% wäre, gäbs ein paar Parteien mehr. Ob sie dann trotzdem handlungsfähig wären, ist eine andere Sache.
Wenn sie eine Chance hätten, würde ich mir statt der AKP die ÖDP oder die LDP wünschen, aber die wählt keiner.