Harter Schlag
Heilige Einfalt: Da wird ein Diskussionsthema bei “Anne Will” in der ARD abgesagt und schon schlägt die Empörung hoch. Die Absetzung der Sendung sei “ein harter Schlag gegen die Pressefreiheit und die Demokratie in Deutschland” – darunter geht es nicht.
Wenn ein Thema die Gemüter dermassen erhitzt, dann muss es etwas mit den USA oder Israel zu tun haben. Soviel ist klar. Und in der Tat geht es hier um die Ereignisse in Gaza, die am letzten Wochenende in der ARD hätten diskutiert werden sollen. Politischer Druck, so orakeln die Unterzeichner eines offenen Briefs an die Verantwortlichen des Senders, habe dazu geführt, dass das Thema geändert wurde.
Auf die Idee, dass eine solche Diskussionsrunde auch ein Mittel sein könnte, für die israelische Sicht der Dinge zu werben, kommt keiner der “mehreren hundert Personen”, die den Brief unterzeichnet haben. Wenn Israel politischen Druck auf das deutsche Fernsehen ausüben wollte, wäre es da nicht naheliegender gewesen, die Zusammensetzung der Diskussionsrunde in seinem Sinne zu beeinflussen?
Das freilich wäre zu weit gedacht. Und deshalb haben wieder einmal die üblichen Verdächtigen zusammengefunden: Von Norman Paech bis Norman Finkelstein, von der Raumplanerin bis zum Hisbollah-Versteher. Man darf sich von der zionistischen Lobby schliesslich nicht alles bieten lassen.
–––Offener Brief
An den Chefredakteur der ARD, Herrn Thomas Baumann,
an Herrn Andreas Cichowicz
und an Frau Anne WillSehr geehrter Herr Baumann, sehr geehrte Frau Will, wir haben mit Entrüstung davon Kenntnis erhalten, dass die ARD eine aktuelle Sendung der Talkshow “Anne Will” zum Konflikt im Gazastreifen kurzfristig abgesetzt hat, die für Sonntag, den 11. Januar, vorgesehen war. Zu dieser Talkshow wurden nach unserer Kenntnis u. a. auch der israelische Dirigent Daniel Barenboim und die palästinensische Hochschullehrerin Frau Dr. Sumaya Farhat-Naser sowie Rupert Neudeck eingeladen. Herr Barenboim, Frau Farhat-Naser und Herr Neudeck gehören zu den herausragenden Persönlichkeiten, die sich jeweils auf bewunderswerte Weise für den palästinensisch-israelischen Dialog engagieren und dafür sorgen, dass der noch bestehende dünne Faden menschlicher Beziehungen zwischen beiden Völkern nicht abreisst. Daniel Barenboim hat mit seinem West-Eastern-Divan-Orchestra palästinensische und israelische Musiker zusammengebracht. Sumaya Farhat-Naser sorgt seit Jahren unerschrocken für einen ständigen Dialog zwischen palästinensischen und israelischen Frauen. Uns sind die Umstände, die zur Absetzung der geplanten Sendung führten, nicht bekannt. Im Ergebnis ist diese Entscheidung der Redaktion auf jeden Fall aber ein harter Schlag gegen die Pressefreiheit und die Demokratie in Deutschland, um so inakzeptabler, wenn die ARD unter politischem Druck gehandelt hat. Wir bedauern sehr die Absetzung der Sendung. Die deutsche Öffentlichkeit hat gerade wegen der besonderen Verantwortung Deutschlands gegenüber Israel und Palästina einen Anspruch auf umfassende und differenzierte Information über den Krieg in Gaza, zumal die deutschen Massenmedien ihrer Verpflichtung, über den aktuellen Konflikt objektiv zu berichten, überwiegend nicht nachkommen und die Menschen hierzulande nur einseitig informieren. Die erst geplante und dann abgesetzte Sendung der ARD-Talkshow “Anne Will” wäre ein erster und dringender Versuch gewesen, den bestehenden Missstand der einseitigen Berichterstattung zu einem höchst brisanten wie aktuellen Krieg ein wenig zu beheben. Wir wollen Sie, sehr geehrter Herr Baumann, sehr geehrte Frau Will, ermutigen, Ihre Entscheidung zu revidieren und die Sendung mit der Teilnahme von Daniel Barenboim und Sumaya Farhat-Naser so bald wie möglich nachzuholen und gegen jeglichen politischen Druck, von welcher Seite auch immer, standhaft zu bleiben.
Mit freundlichen Grüßen
Unterschriften: …

