Einzelfälle?

Sunday, February 8, 2009
Von Martin Riexinger

Fragt die Geschichtskolumnistin Ayşe Hür von “Taraf” mit Blick auf die jüngsten antisemitischen Vorfälle in der Türkei. Ich habe leider keine Zeit den umfangreichen Artikel zu übersetzen. Besondere Aufmerksamkeit verdient jedoch, dass sie auf die zahlreichen antisemitischen Vorfälle während der Zeit der Einparteienherrschaft hinweist. Die Kampagne gegen die thrakischen Juden 1934 und die Vermögenssteuer von 1942, die sich gegen alle Nichtmuslime richtete, sind bekannt, ebenso die nazifreundliche Berichterstattung des kemalistischen Hausblattes “Cumhuriyet”. Für die Ausschreitungen und den Assimilationszwang in den 1920er Jahren, gilt dies jedoch nicht, ebenso für einen Vorfall in Urfa, bei dem nach dem Mord an einer siebenköpfigen jüdischen Familie alle männlichen Mitglieder der Gemeinde für drei Jahre inhaftiert wurden.

Sie erwähnt einen Aspekt nicht, den auf den vor einigen Wochen Corry Guttstadt in der “Jungle World” verwiesen hat:

Diese Politik wurde für die aus der Türkischen Republik ausgewanderten Juden zum Verhängnis?

Schon ab Ende der dreißiger Jahre richtete sich diese Ausbürgerungspolitik zunehmend gegen Juden. Von den türkischen Juden, die z.B. in Berlin lebten, wurden viele ab 1938 ausgebürgert und dann 1941 als Staatenlose erste Opfer der Deportationen. Besonders fatal wirkte sich aus, dass Ankara die Ausbürgerungen zum Beispiel in Deutschland auf dem Wege der Amtshilfe durch die dortigen Behörden durchführen ließ. So richtete das türkische Konsulat in Berlin eine Aufforderung an die Ausländerpolizei, die türkischen Juden vorzuladen und ihnen die Pässe abzunehmen. Damit war klar, dass diese bei den Nazibehörden als Staatenlose regis­triert waren. 1942 und 1943, als die deutschen Stellen der türkischen sowie den Regierungen weiterer neutraler und verbündeter Staaten ein Ultimatum zur Repatriierung ihrer jüdischen Staatsbürger aus dem NS-Machtbereich stellte und türkische Juden auch massenhaft Opfer der NS-Verfolgung wurden, erreichte die türkische Ausbürgerungspolitik ihren Höhepunkt. Mehreren tausend Juden, vor allem in Frankreich lebenden, wurde seitens der Türkei die Staatsbürgerschaft entzogen.

Seit den 1990er Jahren ist keineswegs nur im islamistischen Lager Antisemitismus zu beobachten. Radikalkemalisten/ Linknationalisten auf der einen, kurdische Nationalisten auf der anderen Seite pflegten politische Gegnern zu unterstellen, sie seien jüdischer Abstamung.

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