Darwin-Jubiläum: Türkei, Arabische Welt, Pakistan
Mehrere säkulare Zeitungen in der Türkei haben anlässlich des Jubiläums Beiträge publiziert. Ein eher negativ gehaltener Beitrag erscheint dort, wo man es nicht unbedingt erwartet. Die kemalistische “Cumhuriyet” titelt zwar “Gut, dass Darwin geboren wurde”, in dem Artikel rechnet, Nilgün Özbaşaran Dede jedoch vor allem mit dem Sozialdarwinismus ab. Sie behauptet dabei, Darwin habe kulturelle Unterschiede für genetisch bedingt gehalten, eine zumindest problematische Auffassung.
Murat Biricik rückt in “Radikal” mehrere Missverständnisse zurecht. So gehe der Asudruck vom “Überleben des Stärkeren” auf Spencer zurück, ebenso habe Darwin nie die Auffassung vertreteten, dass Evolution immer von einfachreren zu komplexeren Formen führen müsse. Eine kurze Notiz verweist auf die neueste These von Adrian Desmond und James Moore, wonach Darwin die Ablehnung des Rassismus motiviert habe, die Evolutionstheorie zu formulieren. Nun kann man nicht oft genug betonen, dass Darwin aus einer bekannten Abolitionistenfamilie stammte, und den Kampf gegen die Sklaverei immer unterstützte. Die Evolutionstheorie hat er aber in der Auseinandersetzung mit Galapagiosfinken, Ruderfußkrebsen und der Haustierzucht formuliert. Aus der Sicht des Philosophielehrers Atalay Girgin hat Darwin keineswegs die Vorstellung eines vollkommenen und einzigartigen Gottes zerstört, sondern allein das Konzept eines Gottes mit menschlichen Schwächen wie Jähzorn und Hinterlist. Für die jungen Leser gibt es ein Poster.
Im religiösen Lager widmet sich die Gülen-nahe “Zaman” Darwin. Ist die “Evolutionstheorie am Ende” ist ein Artikel betitelt, der sich auf ein Sonderheft von “BBC-Focus” bezieht. Dort erläuteren Biologen angeblich detailliert, wie die Evolutionstheorie gestorben sei. Humbug.
So wird der Genetiker Christopher Wills zitiert, der erläutert (S. 8), dass Mutationen nach neustem Kenntnisstand vor allem durch “Fehler” bei der DNA-Replikation entstehen. Von einer Widerlegung der Evolutionstheorie ist nirgends die Rede. Außerdem wird behauptet, in dem Heft stehe, mit der Entdeckung des Java Menschen sei, widerlegt, worden dass der Mensch “vom Affen abstamme” (”ancak 1891 yılında bulunan “Java İnsanı” insanın maymundan gelmediğini gösterdi”). Tatsächlich steht (S. 9)dort aber das Gegenteil:
[...] but it wasn’t until ‘Java Man’, a speciemen later believed to be a Homo erectus, was discovered in 1891 that hard evidence for the human stoty began to emerge.
Dann wird der Ladenhüter aufgewärmt, die Evolutionstheorie könne die Entstehung des Auges wegen dessen Kompexität nicht erklären. In dem Heft heißt es jedoch (S. 9) anders als suggeriert:
Biologists have since explained the story by tracking down organisms living in the world today that show the range of eye complexity.
Selbst grober Unfug wird aufgewärmt. So wird behauptet Kelvin habe dem Darwinismus den Todesstoß versetzt, indem er Darwins Hypothese vom Alter der Erde widerlegt habe. Tatsächlich verhält es sich jedoch so:
The British physicist, Lord Kelvin (1824-1907), appears on the list four times, more than any other scientist, because he is credited with founding two disciplines—energetics and thermodynamics—and with making two notable inventions or discoveries—the absolute temperature scale and the trans-Atlantic cable. While the accuracy of some of these scientific developments may be disputed, there is no question that Kelvin was one of the outstanding physicists of the nineteenth century. But was he a creationist?
Kelvin did provide one strong argument against Darwin’s theory of evolution: he estimated the age of the earth to be less than 100 million years, on the assumption that it has been cooling down from a hot molten ball with no internal generation of heat to replace that lost by conduction and radiation into space. Since Darwin had (somewhat carelessly) suggested that geological periods might last upwards of 300 million years, the impression was created that there had not been enough time for the slow process of evolution by natural selection to work. But there was nothing in Darwin’s original theory that fixed a rate of evolution, and thus its validity did not depend on any particular time scale.
As is well known (to everyone except creationists), Kelvin’s estimate of the age of the earth is much too small, because he was unaware of the presence of radioactive minerals that generate enough heat to replace most or all of what is lost. In any case, Kelvin’s lowest estimate for the age of the earth was much more than a million years, so he cannot be counted a supporter of the creationist doctrine that the earth is less than ten thousand years old.
In dem Heft findet sich zwar die Überschrift “Is Evolution Deead?” (S. 10f.) Sie bezieht sich aber allein auf ein Streitgespräch zwischen Steve Jones und PZ Myers über die Frage ob die Evolution des Menschen an ein Ende gelangt sei, weil die natürliche Selektion durch den technischen Fortschritt ausgehebelt worden sei (Myers weißt darauf hin, dass es ja auch noch die sexuelle Selektion gibt).
Zum Abschluss des Hefts, bringt noch Richard Dawkins die wichtigsten Argumente gegen den Kreationismus vor, davon steht in “Zaman” natürlich nix.
Daneben, aber das auf originelle Weise ist ein Artikel von Dücane Cündioğlu in “Yeni Şafak”, die der AKP nahesteht. Er wirft den Darwinisten vor, dass sie den Darwinismus zur Ideologie erhoben hätten, und dass sie ihre Auffassung von der Abstammung des Menschen wie ein religiöses Dogma vertreten würden. Allerdings sollten sich die Muslime davor hüten, die koranischen Texte über den Ursprung des Menschen wörtlich auszulegen, denn dass hieße ja, dass die Menschen aus dem Inzest von Adam und Eva hervorgegangen seien, und das sei ähnlich abscheulich wie die Abstammung vom Affen.
In der Arabischen Welt scheint sich das Interesse sehr in Grenzen zu halten. Ich fand nur einen Artikel von Ahmad Moghrabi in “al-Hayat”. Er hat den reißerischen Untertiitel “an seinem 200. Geburtstag spaltet er die Welt immer noch und der Nazismus hat seine Worte benutzt um den Rassismus zu legitimieren”. Der Autor stellt dann jedoch die Grundzüge der Evolutionstheorie sachlich dar, und weist darauf hin, dass die in den USA auf weit mehr Widerstand stößt als in Großbritannien. Er macht hierfür die ideologische Indienstnahme dsurch Rassisten mitverantwortlich, er formuliert daraus jedoch kein Argument gegen die Evolutionstheorie.
Englischsprachige Stellungnahmen aus Pakistan fasst Salman Hameed zusammen.
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