Heiligenverehrung und Personenkult

Saturday, February 21, 2009
By Martin Riexinger

Auf der Website der BBC findet sich eine Reportage über das Grab des bedeutenden Sufi Ahmad Tījānī (1737–1815) in Fes. Er gründete im 18. Jahrhundert einen Orden, der sich vor allem in Westafrika ausbreitete[1]. Große Bedeutung gewann der durch den Gelehrten und Militärführer al-Hajj Umar Tall (gest. 1864), der zunächst nichtmuslimische Völker und die Franzosen im Senegal bekämpfte, sich dann aber gegen die bereits bestehenden muslimischen Staaten wandte[2]. Gegenwärtig gehört dem Orden ein bedeutender Teil der Muslime in Senegal, Mali, Tschad und Niger an. Sein politischer Einfluss ist bis heute erheblich:

The former Senegalese Prime Minister, Moustapha Niasse, comes from a famous Tijani family, and Hissen Habre, the former dictator of Chad, is a Tijani.

Ende des 19. Jahrhunderts gründete ein algerischer Tījānī in der Türkei einen Ableger des Ordens. Er gewann zwar nie viele Anhänger, er spielte jedoch zu einem Zeitpunkt eine bedeutende politische Rolle.
Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Restriktionen religiöser Aktivitäten gelockert wurden, wagten sich die türkischen Tījānī (türk. Tîcânî) als erste aus der Deckung. 1949 ließen sie von der Besuchertribüne der Nationalversammlung den Gebetsruf auf Arabisch erschallen, der damals noch verboten war. nach der Ablösung der Republikanischen Volkspartei (CHP) durch die Demokrat Parti 1950 forcierten sie ihre Aktivitäten, indem sie nun Atatürk-Statuen beschädigten[3]. Den Ministerpräsidenten Adanan Menderes, brachten sie damit schwer in die Bredouille, denn er stützte zwar er seine Macht auf die konservativen Teile der Bevölkerung, deren Loyalität er nicht zuletzt durch die Lockerung der Religionspolitik gewann. Von einer Abschaffung des Säkularismus wollte er gleich wohl nicht wissen. Dies warfen ihm aber die Kemalisten vor, wobei sie die Aktivitäten der Tījānīs als die abscheulichsten Beispiele der drohenden Gefahr darstellten. Um diese Vorwürfe zu entkräften, sah sich Menderes gezwungen, das Gesetz über strafbare Handlungen gegen Atatürk zu initiieren[4], das in jüngster Zeit Aufmerksamkeit auf sich zog, weil es zur Sperrung von YouTube in der Türkei herangezogen wurde.


  1. Abu Nasr, Jamil M.: The Tijaniyya. A Sufi order in the Modern World, Oxford u.a.: University Press, 1965 (Middle Eastern Monographs ; 7).
  2. Robinson, David: The Holy War of Umar Tal, Oxford: University Press, 1985
  3. Jäschke, Gotthard: „Der Islam in der neuen Türkei: Berichtigungen und Nachträge“ Welt des Islams III (1953) 278 – 287.
  4. Kocaçimen, Sevgi: Demokrat Parti Döneminde TBMM’nde laiklik tartışmaları, Antalya: Yeniden Anadolu ve Rumeli Müdafaa-i Hukuk Yayınları, 2008, 67 – 98, 192 – 194.
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