Was lange währt…..
Morgenpostkolumne, 8.3.2009
Manchmal ist das Leben ausgesprochen erstaunlich.
Ich hatte mich auf ein Seminar an der Fernsehakademie Leipzig vorbereitet. Dort studieren hoch- (in Einzelfällen auch minder-) motivierte junge Menschen, um später als Mediengestalter, Kameraleute oder Rundfunkjournalisten tätig zu sein. Es ist nicht ihre Erstausbildung. Die meisten sind Berufssoldaten bei der Bundeswehr, die ihnen großzügig diese Ausbildung bezahlt, um die Wiedereingliederung ins zivile Leben vorzubereiten. Andere kommen von der Arbeitsagentur oder bezahlen die private Ausbildung selbst.
Nur, Ausbildung und Weiterbildung sind das eine und die Umsetzung des eigenen Wissens um die beruflichen Chancen zu erweitern, das andere. Dieser Spagat der Ungewissheiten sollte – das war der Wunsch der Studenten – mitdiskutiert werden. Also fuhr ich von meiner Dresdner Wohnung aus mit der Taxe zum Bahnhof. Der Taxifahrer war von der alten Schule, außerordentlich wohltuend in seiner Höflichkeit und Zuvorkommenheit.
69 Jahre alt sei er, antwortete er auf meine Frage. Vor zwei Jahren hätte er noch einmal den Taxischein gemacht. Darauf sei er ausgesprochen stolz, weil er wisse, wie viele Jüngere diese Prüfung nicht bestehen. Er fühle sich viel zu jung, um zuhause vor dem Fernseher oder auf dem Balkon zu sitzen. In die Zuschauerrolle des Lebens wollte er in seinem Alter noch nicht gedrängt werden. Respekt!
Ein Einzelfall durch Eigeninitiative! Nur, wieviele Menschen, die älter als 60 Jahre alt sind, könnten ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten durchaus noch in die Erwerbswelt einbringen, wenn wir es politisch und gesellschaftlich vorbereitet und Anreize dazu geschaffen hätten? So haben wir sie vorzeitig zu Zuschauern des Lebens gemacht.
Stunden später, mitten in der Diskussion an der Fernsehakademie: Schon die zweite Ausbildung für die ungefähr DreiІigjährigen. Das sollte fürs Leben ja zunächst einmal reichen. Eine verständliche Einstellung und trotzdem falsch.
Gerade sie werden lebenslang lernen müssen. Es wird nicht mehr das dreiteilige Lebensmodell-Schule-Lehre oder Studium-Arbeitswelt geben. Immer wieder werden sich Bildungs – und Weiterbildungsabschnitte im Leben abwechseln, weil der Einzelne nur so die Chancen des Arbeitsmarktes wahrnehmen kann.
Der Personalchef, der heute schon arrogant glaubt, ein Fünfzigjähriger brauche sich gar nicht mehr bei ihm zu bewerben, wird in einigen Jahren händeringend nach einem gutausgebildeten Fünfzigjährigen suchen. Das wird zwangsläufig sein in einer Gesellschaft, in der die Jungen immer weniger und die Alten immer mehr und rüstiger werden.
Nur muss eine Lernbereitschaft im höheren Alter durch eine Beteiligung in jüngeren Jahren vorbereitet sein, da sonst die Motivation fehlt. Nicht alle motivieren sich selbst wie dieser Taxifahrer. Das wird die Zukunftsaufgabe für Politik, Gesellschaft und die Unternehmen sein.
Manchmal hängt Zukunftssicherung auch vom schnellen Begreifen ab. Oder?
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