Furcht um ein Erfolgsmodell
Die zentralanatolischen Städte Konya und vor allem Kayseri sind die herausragenden Beispiele für die sozioökonomischen Veränderung der Türkei seit den 1980er Jahren. Aus Schusterwerkstätten wurden Schuhfabriken, aus Tischlereien Möbelfabriken, die ihre Waren weltweit absetzen. Eine Studie der Industrie und Handelskammer von İstanbul ergab 2007, dass von den 500 mit Blick auf Diversifizzierung, Markenbewusstsein und Exportorientierung erfolgreichsten türkischen Firmen, 16 aus Kayseri stammen. Diese global aktiven Unternehmer sind aber nicht etwa kosmopolitisch, sondern islamisch konservativ. In der soziologischen Literatur aber auch in der Wahrnehmung der türkischen Öffentlichkeit, gelten sie als Gegenstücke zum den Calvinisten bei Max Weber. Politisch sind sie von Bedeutung, weil viele von ihnen zunächst den Islamismus von Erbakan unterstützten. Sie brachen mit ihm jedoch Ende der 1990er Jahre, nicht zuletzt weil er sich gerne von Unternehmern finanzieren ließ, aber zugleich etatistische Konzepte vertrat. Gegenwärtig stehen sie hinter der AKP.
Nervös reagiert man jedoch in Konya und Kayseri auf die Wirtschaftskrise, weil sie die beiden exportorientierten Städte besonders hart trifft. Mustafa Boydak, der Präsident der Handelskammer, kritisiert deswegen die Regierung heftig. Er wirft ihr nicht allein vor, zu langsam auf die Krise reagiert zu haben. Sehr kritisch beurteilt er, dass Erdoğan in den letzten beiden Jahren für die Annäherung an die EU notwendige Maßnahmen unterlassen habe.
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