Freitagsjournalismus

Sunday, April 26, 2009
Von Michael Kreutz

Die altlinke “Freitag” ist auferstanden, nennt sich jetzt “der” Freitag und macht sympathischerweise genau dort weiter, wo das Ur-Blatt gescheitert war: Nämlich bei dem Versuch, recherchefreien Journalismus mit grossem aufklärerischem Gestus in Szene zu setzen und dabei glaubwürdig zu bleiben. Und daher kommt – Achtung – jetzt eine ganz heisse Meldung: Ahmadinejad soll nie davon gesprochen haben, dass Israel von der Landkarte gewischt werden müsse!

Dass nicht Katajun Amirpur diese eigenwillige Interprretation der Worte Ahmadinejads in die Welt gesetzt hat, sondern Juan Cole, hätte eine simple Google-Recherche ergeben. Aber, wie gesagt. Der Schmonzes, den seinerzeit Cole verzapft hatte, wird nun also Frau Amirpur angedichtet. Und darum hat auch beim “Freitag” Ahmadinejad nur ein Ende der Besatzung gefordert, keine Vernichtung Israels. 

Esra’il bayad az safhe-ye ruzgar mahv shavad – von der Besatzung ist zwar überhaupt nicht die Rede. Auch gibt es andere Äusserungen von Ahmadinejad, die an seiner Einstellung gegenüber Israel keinen Zweifel lassen – aber beim “Freitag” sind die wohl ebensowenig bekannt wie die Regel, dass für die Übersetzung von Redewendungen ein Äquivalent in der Zielsprache gefunden werden muss, anstatt ihre Bestandteile wörtlich zu übertragen. “To hit on the same idea” übersetzt man auch nicht mit “auf dieselbe Idee schlagen” ins Deutsche. Und so tritt an die Stelle der Recherche das Raunen:

Was sagte Ahmadinedschad in Genf? Nach der angesehenen Neuen Zürcher Zeitung vom 21. April 2009 soll er gesagt haben: „Der Weltzionismus ist die Personifizierung von Rassismus“. Das lässt drei Schlüsse zu: Entweder der iranische Präsident ist intellektuell unzurechnungsfähig, denn der „Weltzionismus“ ist so wenig als Person denkbar wie der Rassismus. Oder die Übersetzung ist fehlerhaft und/oder von interessierter Seite lanciert worden. 

Dass der iranische Präsident intellektuell unzurechnungsfähig sein könnte, kann man sich beim “Freitag” noch nicht einmal vorstellen. Nun, man hätte dort auch auf die Idee kommen können, sich die Rede einmal genauer anzuschauen. Dann hätte man gesehen: Die Neue Zürcher liegt schon ganz richtig (im Original: صهيونيسم جهاني مظهر تمام عيار نژادپرستي است ) – und das Regime selber liefert eine eigene Übersetzung ins Englische, derzufolge der Zionismus eine “full manifestation of racism” sei. Aber wahrscheinlich hat da jemand was lanciert und einen Anfänger in die Redaktion des “Freitag” geschleust, damit dieser endgültig aus der deutschen Presselandschaft verschwindet. 

Übrigens: Nach Durban II hat Ahmadinejad auf einer “International Conference of the Prosecutors of Islamic Countries in Association with International Jurists” gesprochen, auf der es um einen “Genozid in Gaza” ging. In seiner Rede, in der das Wort “Zionismus/zionistisch/Zionisten” fast achtzigmal vorkommt, drückte Ahmadinejad u.a. seine Zuversicht aus, dass in der Zukunft der Menschheit “Unterdrückung, Aggression, Besatzung, Verbrechen, die schwachsinnige zionistische Idee und der Rassismus” nicht mehr existieren werden. 

Die Wahrheit ist: Ahmadinejad vermeidet es mittlerweile, offen die Vernichtung Israels zu fordern und weicht entsprechenden Fragen (wie kürzlich im Interview mit dem “Spiegel”) aus. Seine permanente Dämonisierung des jüdischen Staates und des Zionismus wird aber bei seinen Zuhörern nicht ohne Wirkung bleiben. Man stelle sich einmal vor, was los wäre, wenn israelische Stimmen sich derselben Wortwahl bedienten, um  über die Palästinenser oder die Muslime zu sprechen.

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