Unglauben bei den “Ungläubigen”
Es gibt sicher Wichtigeres in der Türkei als diesen kleinen Vorfall in einer Talkshow, er wirft aber doch ein bezeichnendes Licht auf die Distinktionsmerkmale im dortigen Kulturkampf. Die Pianistin Süher Pekinel erklärte in Anwesenheit des kemalistischen Publizisten Mehmet Ali Birand, dass Sümmeyye Erdoğan, die jüngere Tochter des Ministerpräsidenten Geige spiele, Unterricht in klassischem Gesang[1] nehme und in Amerika, wo sie studiert, gar in einem Chor singe. Birand habe sie darauf an sich gedrückt, und gerufen:
Was sagen Sie? Gott o Gott, das habe ich nicht gewusst. Mit einem Mal hat sich das Mädchen in meinen Augen völlig verändert. Also das Image in unseren Augen, ein konservatives Fräulein, dass mit dergleich nichts zu tun hat…
Das mag zunächst trivial erscheinen, man muss jedoch wissen, dass das Verordnen polyphoner Musik (die er selbst nicht so sehr mochte) ein nicht unwichtiger Bestandteil von Atatürks Reformprogramm ist[2]. Laut der “Radikal”-Kommentatorin Nur Çintay A. hat dieser Aspekt in den letzten Jahren wieder an Bedeutung gewonnen. Neben dem Weinglas, sei das Spielen eines westlichen Instruments (am beten einer Harfe) zum Beweis dafür geworden, dass man kein Gülen-Anhänger sei. Ähnlich sieht dies auch Emre Aköz von “Sabah”. Er weist darauf hin, dass der damalige Präsident Demirel beim “postmodernen Putsch” von 1997 gesagt habe, ein moderner Türke sei, wer die “Neunte” höre. Der Musik sei damit am allerwenigsten ein Gefallen getan worden, meint Aköz. Er verweist auf ein Buch mit Postkarten und Fotografien aus osmanischer Zeit. Darunter zeigen einige Herren mit Fes beim Fagottspielen. In Provinznestern wie Merzifon habe es damals Hobbyorchester gegeben:
Die Welle der Modernität, die im Saray und beim Militär begann, verbreitete sich ganz langsam in der ganzen gesellschaft: Diese Leute kamen aus der Moschee und gingen ins Konzert.
Aber die Republik hat dieses Band durchtrennt: Zwischen denen oben und denen unten gab es außer der Staatsbürgerschaft nichts Gemeinsames mehr.
Da die “Modernen” da oben sich bemüht haben, die westliche Kultur per “Aufdrängen” zu vermitteln, haben sie die da unten nicht angenommen und nicht nachgeahmt.
- Neues Wort gelernt: şan = chant ⇧
- Dazu gibt es einen Abschnitt in der Atatürk-Biografie von Klaus Kreiser ⇧


“..Verordnen polyphoner Musik..”
????
Was für einen Sinn soll das denn gehabt haben?
Übrigens ist Beethovens Neunte homophon.
Eine natürlichere Annäherung zwischen östlicher und westlicher Musik hat im Jazz stattgefunden.
Der Jazz ist da wesentlich integrativer, wobei er der östlichen Musik ihre Eigenständigkeit lässt, zB bei Dhafer Youssef oder Anouar Brahem.
“Verordnen” ist natürlich überspitzt. Aber der Rundfunk sendete eben nur westliche Musik.
Die Neunte besteht nicht nur aus “Freude schöner Götterfunken”.
Ich war auch weniger über das “Verordnen” erstaunt, als vielmehr über das “polyphon”. Unter “Polyphon” verstehe ich Mehrstimmigkeit mit mehreren gleichberechtigten Stimmen im Gegensatz zu “homophon”, wo eine Stimme die Melodie trägt.
Oder meintest Du klassische Musik im allgemeinen?
Achso, zu viel vorausgesetzt. In traditioneller orientalischer Musik ist Mehrstimmigkeit unbekannt. Darum geht’s.
Sinan Cetin hatte dieses “Verordnen” recht nett karikiert. ‘n bisschen Türkisch braucht man zwar zum Anschauen, aber der Witz ist glaub ich auch so verständlich:
http://www.youtube.com/watch?v=Qbbp8ac8ROQ
Mehmet Ali Birand ein Kemalist? Mhmm….nun ja. Nicht so ganz.