Die letzte Sitzung

Es war die letzte Sitzung des Landtages vor der Sommerpause. Es war die letzte Sitzung dieser Legislaturperiode. Es war für mich die allerletzte Landtagssitzung, weil ich mich im September für immer aus der Politik verabschiede.
Also ein besonderer Tag.
Allerdings mit weniger Wehmut behaftet, als manche vermuteten. Immerhin hatte ich meine Entscheidung schon vor fünf Jahren getroffen und mich von niemandem umstimmen lassen. Auch das Argument, ich wäre eigentlich wichtig und unverzichtbar, hat mich nicht überzeugt. Denn als Theologe weiß ich, dass die Friedhöfe voll sind von Wichtigen und Unverzichtbaren.
Der Verlauf des Tages machte mir dann allerdings den Abschied auch sehr leicht. Es war wie immer. Viele Reden, die an Rhetorik und Wortgewandtheit vorbeischrammten, aber dafür mit Standpunkten behaftet waren, die sich seit Jahren kaum verändert hatten. Trotzdem sind mir etliche der Redner im Laufe der Jahre durch ihre Art und durch ihre Arbeit sehr sympathisch geworden.
Es gibt nämlich mehr Bemühen und Ehrlichkeit in der Politik, als öffentlich vermutet wird. Aber die Landtagstribüne ist immer eine Schautribüne, die dann auch so genutzt wird. Teilweise mit scharfen polemischen Worten, die in der ruhigen, sachlichen Arbeit hinter den Kulissen nie fallen würden. Um aufzufallen muss einfach zugespitzt werden, ohne dass man gleich in [wikipop language="de" search="Karl Nolle"]Nolles[/wikipop] Pöbeleien verfallen muss.
Ich habe den vielen Jahren oft gedacht, dass die Wahrheit dann wahrscheinlich den Landtag verlässt und an der Elbe spazieren geht um sich zu entspannen.
Abends war um 18:00 Uhr der Sommerempfang des Landtagspräsidenten. Familien und Mitarbeiter der Abgeordneten waren, nach teilweise langer Fahrt, nach Dresden gekommen und standen jetzt im Getränkezelt, um schon um 17:30 Uhr etwas zu trinken. Aber es gab nichts, außer der Anweisung des Präsidenten, dass erst nach seinem Erscheinen ausgeschenkt werden dürfe. Ich rief die Protokollabteilung an, um sie auf diese bei Empfängen unübliche Anweisung aufmerksam zu machen. Einige der Gäste drohten auch in ihrer Verärgerung, wieder zu gehen.
Wenige Minuten später rief ein Mitarbeiter der Protokollabteilung den Gastronom an, um ihm mitzuteilen, dass es bei der Anweisung des Präsidenten bleibe. Auch seinen letzten Satz wiederholte der Gastronom laut für alle Umstehenden gut hörbar: Wenn Herr Eggert mit dem Trinken nicht warten könne, dann könne er ja gehen. Nachdem ich mich mit einem Lächeln von den Umstehenden verabschiedet hatte, tat ich das auch.
Ich ging in die Dresdner Neustadt, kaufte mir mein Bier selber und unterhielt mich mit ausgesprochen sympathischen Menschen. Zugegebenermaßen, kein würdiger Abschluss für einen solchen Tag. Aber ein ehrlicher!
-Heinz Eggert
Foto © ulrichwelten / PIXELIO
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