Türkei: Islamisten und Linksnationalisten zu den Vorgängen in Iran

Sunday, July 5, 2009
Von Martin Riexinger

Die an der Islamkonferenz beteiligten Verbände waren mit Ausnahme der Aleviten und des VIKZ nicht bereit, eine von Navid kermani und Seyran Ateş aufgesetzte Resolution wider den Wahlbetrug und die Niederschlagung der gegen ihn gerichteten Proteste in Iran zu unterzeichnen. Im Falle von DİTİB mag es daran liegen, dass man dann vielleicht auch einmaldazu aufgefordert werden könnte, zu Vorgängen in der Türkei Stellung zu beziehen (auch die erzkemalistische “Türkische Gemeinde in Deutschland” hat ja nicht unterzeichnet). Bei anderen dürfte es eher daran liegen, dass nicht nur Politikberater und Gudrun Eussner glauben, Ahmadinejad habe die Wahlen gewonnen.

Der Islamrat wird Milli Görüş dominiert, die wiederum auf regionaler Ebene, etwa in der Schura Hamburg[1], mit proiranischen schiitischen Organisationen zusammenarbeitet. In der “Milli Gazete”, dem Hausblatt der türkischen Mutterorganisation, werden die Sprachregelungen der iranischen Führung übernommen. Hüseyin Altınalan referiert ausführlich, was ein iranischer Regierungssprecher in einer Diskussionsrunde eines Nachrichtensenders von sich gegeben hatte. Er verteidigt die Beeintächtigung des Mobilfunknetzes, da auf diesem Wege “eine Gruppe von Leuten dirigiert wurrde” und er behaupptet Neda Soltan sei von Regierungsgegnern erschossen worden, da sie ja von hinten getroffen worden ist. Osman Toprak sieht Iran als Opfer einer westlichen Verschwörung, mit welcher der militärische Machtzuwachs des Landes verhindert werden soll. Allerdings sei es Aufgabe der iranischen Führung, das Volk von der rechtmäßigkeit des Wahlresultats zu überzeugen. Ali Haydar Haksal meint hingegen, dass Amerikanismus und Freimaurerei den wahren Charakter der Türkei nicht hätten unterdrücken könne, weswegen das Volk eben nicht auf derSeite der Knechte des Westens in Iran stehe. Der Frauenverband klagt, der Westen habe Iran in ein Schlachtfeld verwandelt, und der ehemalige Abgeordnete Ümmet Kandoğan haut in die gleiche Kerbe.

Ähnliche Aussagen findet man allerdings auch in regierungsnahen Medien. In “Yeni Şafak” warnt der für die radikalen Töne zuständige İbrahim Karagül vor einem “Gegenputsch”. Außerdem erklärt er Iran zum Teil eines neuen ökonomischen Machtzentrums, das der Westen mit Hilfe von Fonds, Stiiftungen und Facebookpropaganda schwächen will. In der Gülen-nahen “Zaman” sieht Ali Bulaç, ein Vertreter des “Intellektuellenislamismus”, “weiße Iraner” aus dem Norden Teherans als Urheber der Unruhen. Es handele sich dabei um eine Koalition aus Volksmudschahedin, Tuden (Kommunisten), Schahanhängern und Westlern, während die Massen des ländlichen Iran hinter Ahmadinejad stünden. Er übernimmt damit ein gängiged Muster zur Interpretation zur deutung der türkischen Politik als Widerstand der “Turquie profonde” gegen die entwurzelten Eliten.
Zu den Kommenatren dieser beider Herren ist allerdings zu sagen, dass ihre Auffassung auch sonst radikaler sind als die der gängigen Kommentarlinie. Die Quotensäkularisten in diesen Blättern äußerten sich wiederum sehr ktritisch zu den Vorgängen in Iran, während viele Stammkommentatoren (irritiert?) schwiegen.

Türkische Freunde hat Ahmadinjad aber auch in einer ganz anderen Ecke. Die Linksnationalisten und Chavez-Fans von “Türk Solu” (Türkische Linke) feiern ihn als Antiimperialisten, um den Laizismus brauche man sich dabei nicht zu kümmern. Die Kräfte, die in der Türkei hingegen die Europa- und Amerikaknechte der AKP unterstützen, der bejubelten nidaher nicht zufällig Musavi als Hoffnungsträger für Iran.


  1. http://www.schura-hamburg.de/
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18 Responses to “Türkei: Islamisten und Linksnationalisten zu den Vorgängen in Iran”

  1. N. Neumann

    Von einiger Stringenz zeugt hingegen, wenn in der Rubrik “Hintergrundinformationen” ein anklopfendes Werbebanner des Kopp-Verlags (u.a. Wisnewski, Ulfkotte) platziert wird.

    #52599
  2. N. Neumann

    Ich denke da an Pamphlete oder Meinungen von sogenannten “emanzipatorischen” Linken, bei denen Freiheit bedeutet, das Frauen so leben, wie sie es für richtig halten (das sagen sie natürlich nicht so). Und in Folge für Kopftuchverboten in Schulen plädieren oder den Staat zur Hilfe anrufen, wenn ihnen die Durchschlagkraft ihrer Argumente fehlt.

    @ Serdar Günes

    So liest es sich schon deutlich anders.

    Ansonsten sieht man in Deutschland die Dinge immer als administrative Maßnahme.

    In Deutschland gibt es zwar eine gewisse etatistische Tradition, dabei handelt es sich jedoch weder um ein spezifisches Merkmal der Politik in Deutschland (man denke etwa an Frankreich oder skandinavische Staaten), noch verzichten ganz unterschiedliche NGOs, politische Vereinigungen, Verbände, meinungsstarke Journalisten, Lobbys und/oder Interessenverbände in den z.B. weniger etatistischen USA darauf, zu versuchen, dieses oder jenes Anliegen mit dem “Umweg” über Regierung bzw. Parlament als politische Entscheidung durchzubekommen bzw. politische Entscheidungen zu beeinflussen. Das gehört zu ihrem Wesen, sie beschränken sich meistens nicht auf bloße Öffentlichkeitsarbeit für ihre Sache.

    Kurz: Es kritisiert sich meistens nur scheinbar besser, wenn man XY nicht nur für eine politische Forderung kritisiert, sondern auch noch dafür, dass er dieselbe in Form des normalen Verfahrens einer politischen Entscheidung implementiert haben will. Politische Forderungen können lächerlich und falsch erscheinen, sie werden jedoch in der Regel nicht (es sei denn, sie sind absolut absurd) dadurch falscher und lächerlicher, wenn sie auf dem normalen, demokratischen Verfahrensweg durchgesetzt werden sollen.

    Mal abgesehen davon, dass es im gegegeben Fall wohl kaum Regierungsmitglieder und ParlamentarierInnen gibt, die ein Kopftuchverbot für Schülerinnen in Betracht ziehen.

    Daneben wird diese Forderung auf Seiten der von dir kritisierten Linken (oder Liberalen) auch in differenzierter Form vorgetragen. Es widerspräche nicht der Tradition des Grundgesetzes, das keinen Laizismus à la Frankreich kennt, das Kopftuch in der Schule erst mit dem Erreichen der Religionsmündigkeit ab 14 zu erlauben (”Gesetz über die religiöse Kindererziehung” – ein liberaler Rechtsbestand aus der Weimarer Zeit).

    Ich sehe in Berlin (in Köln sehr selten) manchmal verhüllte Mädchen vor dem Pubertätsalter. Teils streng und dick verhüllt, teils weit vor dem Pubertätsalter. Und keine davon machte in meinen Augen einen fröhlichen Eindruck.

    Man kann nun (meines Erachtens mit gutem Grund) einwenden, dass eine Durchsetzung der von mir erwähnten Forderung nichts nützen würde oder gar kontraproduktiv sei – könnten sich dergleichen Fundieltern so doch noch mehr auf ihre “Unterdrückung” einbilden, die Tochter der Schulpflicht entziehen oder in ein Land gehen, in dem die Chance bzw. Möglichkeit der Tochter, auch ein Leben jenseits der Vorstellungen der Eltern zu führen, umso geringer ist.

    Absurd, illiberal oder obszön ist diese Forderung jedoch nicht. Obszön und zutiefst antiliberal ist die religiöse Rigidität der Eltern.

    #52600
  3. Tja EF ist gewissermaßen PI für Reiche.

    Den Text von Klaus Blees habe ich übrigens allein deswergen verlinkt, weil ich auf die Schnelle keinen anderen Artikel gefunden habe, in dem korrekterweise Aleviten und VIKZ als Unterzeichner der Resolution genannt werden.

    #52603
  4. N. Neumann

    Im Falle von DİTİB mag es daran liegen, dass man dann vielleicht auch einmal dazu aufgefordert werden könnte, zu Vorgängen in der Türkei Stellung zu beziehen

    In diesem Zusammenhang kann man noch hinzufügen, dass die offiziellen Vertreter der DITIB, wenn ich micht irre, aktuelle bzw. internationale politische Geschehnisse ziemlich konsequent nicht kommentieren, solange sie nicht selbst involviert ist oder diese nicht die Türkei betreffen.

    Da bei der Milli Görüs sehr klar ist, wo der Hase läuft, wäre es darüber hinaus einigermaßen interessant, zu erfahren, ob, und wenn ja, wie der Zentralrat der Muslime sein Weigerung, die Resolution mitzutragen, begründet hat.

    #52604
  5. N. Neumann

    Bei dem folgenden Artikel (danach kam nichts mehr zum Thema Iran) und dem Link zur Amahdineschad freundlichen DKP-Postille “NRHZ” handelt es sich zwar um keine Begründung, aber doch um eine sehr aussagekräftige Form des beredten Schweigens.

    http://islam.de/12571.php

    Mal sehen, ob sich ein Journalist findet, der Ayman Mazyek auf das Thema anspricht.

    #52605
  6. … wäre es darüber hinaus einigermaßen interessant, zu erfahren, ob, und wenn ja, wie der Zentralrat der Muslime sein Weigerung, die Resolution mitzutragen, begründet hat.

    Ebent, aber da können Sie mal sehen wieviele Schlafmützen es gibt…

    #52606
  7. N. Neumann

    Ich werde Jörg Lau nach seinem Urlaub vielleicht auf diesen Punkt ansprechen. Ich gehe einerseits davon aus, dass Ayman Mazyek aus taktischen Beweggründen als das Gesicht des ZDM fungiert, andererseits aber auch davon, dass er tatsächlich liberaler ist als die Verbandsmehrheit.

    #52607
  8. Wenigstens Sie gönnen ihm seinen Urlaub…

    #52608

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