Warum beherrschen die Juden die Welt?
Weil sie über die Waffe der Wissenschaft verfügen.
Dies stellt der kuwaitische Autor ‘Isam ‘Abdallatif al-Fulayj in zwei Artikeln (ar) für “al-Watan” dar.
Die Beispiele, die er zur Entkräftung der gängigen Verschwörungstheorien im Einzelnen aufführt, sind nicht neu (Nobelpreise und Erfindungen, Ranking der israelischen Universtitäten, Anteil der Forschungsausgaben am BSP). Bemerkenswert ist jedoch, dass es sich bei dem Autor um einen Islamisten handelt, und dass Artikel wie der gestern vielfach verlinkte von Abdullah al-Hadlaq in dieser Zeitung häufiger zu finden sind.
Dass al-Fulayj realtistischer auf den gegenwärtigen Zustand der islamischen Welt blickt als der Messias, sei nebenbei erwähnt.
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Islamisten ohne anti-jüdische Klischees? Gibts sowas?
Dergleichen schließt ja keine feindliche Gesinnung aus.
Bei al-Fulayj ist der unter islamistischen Akademikern weit verbreitete Hang zur instrumentellen Vernunft einfach so stark ausgeprägt, dass er ohne Verschwörungstheorien auskommt. Max Horkheimer hätte möglicherweise seine helle Freude an ihm.
Daneben erinnere ich mich an eine Rede von Yusuf al-Qaradawi, in der er einerseits relativ nüchtern die technische Überlegenheit Israels betont und erklärt und andererseits sein Publikum als faul kritisiert bzw. zu technologischen Anstrengungen auffordert.
Dergleichen schließt ja keine feindliche Gesinnung aus.
Im Prinzip richtig, es deutet aber darauf hin, dass er die Juden nciht als Hauptproblem betrachtet. Ich belibe auf der Spur.
@N.Neumann
Bei al-Fulayj ist der unter islamistischen Akademikern weit verbreitete Hang zur instrumentellen Vernunft einfach so stark ausgeprägt, dass er ohne Verschwörungstheorien auskommt. Max Horkheimer hätte möglicherweise seine helle Freude an ihm.
A propos Horkheimer. Nun ich finde diese Beobachtung interessant. Denn in den 80ern und Anfang der 90er hatte die islamische Szene, bestimmt islamische Denker in der Türkei die Frankfurter Schule für sich entdeckt. Das kann man auch in ihren Texten sehen. Ich denke mal das kam einfach aus der moderne-kritischen Haltung hervor um intelektuelle Rüstzeug für Argumentation zu finden. Trotzdem denke ich, das es nicht rein “instrumentell” geblieben ist. Bei einigen ist auch was hängen geblieben. Das war früher vielleicht “instrumentell” gemeint war, hat auch grundsätzlich ein paar Veränderungen in der Weltsicht geführt.
Das kann man u.a. auch in Nilüfer Göles “Republik und Schleier” (türk. Titel: Modern Mahrem) nachlesen.
Ich denke mal Martin kann mir beipflichten oder?
Denn in den 80ern und Anfang der 90er hatte die islamische Szene, bestimmt islamische Denker in der Türkei die Frankfurter Schule für sich entdeckt.
@ Serdar
Das vergleichsweise gemäßigte Islamisten, zumal in der Türkei, eine Affinität zu westlicher Literatur mit einer düsteren, kulturpessimistischen Modernitätsdiagnostik haben können, wundert mich nicht.
Im Weltmaßstab und vor allem und Salafisten bzw. Wahhabiten wird jedoch keine westliche Literatur mehr einem islamischen Idiom mehr anverwandelt. Saayed Qutb war meines Wissens nach der letzte Denker einer islamischen (genauer: sunnitischen) Revolution, der sich im affirmativen Sinn Gedankenguts westlicher Herkunft bedient hat:
http://images.zeit.de/text/2003/32/A-Carrel
Trotzdem denke ich, das es nicht rein “instrumentell” geblieben ist. Bei einigen ist auch was hängen geblieben. Das war früher vielleicht “instrumentell” gemeint war, hat auch grundsätzlich ein paar Veränderungen in der Weltsicht geführt.
Ich gehe davon aus, dass es sich bei diesem Personenkreis um eine Minderheit in der Türkei handelt.
Mit “instrumenteller Vernunft” spiele ich auf eine technisch verkürzte Vernunft der meisten Islamisten an. Es werden allein die technischen Errungenschaften der Moderne (die ja sowieso schon alle im frühen Islam angelegt waren) rundheraus bejaht – andere, nicht-technische Formen der Modernität werden verworfen.
Für Horkheimer (oder aber auch den frühen Habermas) wäre das sozusagen ein gefundenes Fressen. Diese Bemerkung ist jedoch insoweit verkürzt, als ein Großteil des politischen Islam auf einem der Herkunft nach vormodernen Werterigorismus basiert, was ihn größtenteils doch von jenen Manifestationen der abendländischen Vernunft (Entfremdung, Bürokratie, technische Wissenschaften) unterscheidet – jedenfalls in der Form, wie sie von der frühen Kritischen Theorie angefriffen wurden.
P.S. zu meinem Link: Rudolf Walther möchte offenbar den “wahren” Islam gegen Sayyed Qutb retten und ihn zu einem wenig islamischen Denker erklären. Aber daran, dass Qutb oder aber z.T. wohl auch Maududi (den hatte ich vergessen) im Gegensatz zu denjenigen, die sich später bzw. heute auf sie berufen, noch Literatur westlicher Herkunft affirmativ verwendet haben, gibt es der Sache nach nichts auszusetzen.
Wenn ich mich richtig erinnere, lehnte Maududi es ab, den Sozialismus zu kopieren, erkennte in ihm aber auch viel Gutes.
Die Rezeption der Frankfurter Schule ist Angelegenheit der sog. “neuen islamischen Intellektuellen” )Ali Bulaç, İsmet Özel). Auf die hat Binnat Toprak Ende der 1980er Jahre erstmals die FAchwelt aufmerksam gemacht. Milli Görüş war jedoch immer eine stark technokratische Bewegung.
Maudūdī lehnte den Sozialismus ab, war jedoch zugleich vom leninistischen Organisationsprinzip begeistert.
Westliche Autoren werden durchaus noch zitiert. In der Türkei spielen vor allem die sog. “Traditionalisten” im Gefolge von René Guénon eine große Rolle. Über die blogt Mark Sedgwick in Århus.
Neben viel Geschwafel, kann man durchaus auch orginelle Gedanken bei Ali Bulaç finden. Entgegen vieler Islamisten, hält er es für gefährlich den Nationalstaat zu erobern um den Islam als System zu überstülpen. Das würde Totalitarismus produzieren. Islamisierung von oben nennt er das und bringt viele Beispiele. Nach Seufert zufolgen bezeichnete Bulaç im Mai 2001 die Idee von
einem islamischen Staat in der Türkei als islamistische Einkleidung des Kemalismus. Bulaç zufolge wollen türkische Islamisten wie Kemalisten, dass alle Bereiche, von der Wirtschaft bis zum gesellschaftlichen Leben vom Staat geregelt werden; sie würden damit nur unterschiedliche Ideologien verteidigten.
Obwohl diese Bezeichung “Islamisierung von oben” heute in der Literatur über Islamismus Gebrauch findet, hat dieser Gedanken bei Ali Bulaç schon in der zweiten Hälfte der 80er eingesetzt. Seine (Post)Modernismus-Kritik und des modernen Nationalstaates hat viele Generationen beeinflusst (ich bin auch damit aufgewachsen).
Was man vielleicht bemängeln kann: Viele islamische Denker, darunter auch Bulaç hängen immer noch einer Modernismuskritik nach, die selbst überholt ist (auch schon im Westen).
Er hat stattdessen Anfang der 90er selbst eine Diskussion angestoßen; eine Alternative zum Nationalstaat und deren Islamisierung durch Islamisten, die man sehr gut in diesem Text von Seufert nachlesen kann.
Ups, falsch verlinkt, hier nochmal der Text.