Die verbotene Umfrage
Die wichtigsten Ergebnisse der Umfrage über den marokkanischen König, wegen derer die Magazine “Telquel” und “Nichane” letzte Woche beschlagnahmt und eingestampft[1] worden sind, veröffentlicht heute “Le Monde”. Das Urteil fällt überwiegend positiv aus. Dies gilt gerade auch für Aspekte, die von den beiden Magazinen sehr kritisch betrachtet werden. Die enorme wirtschaftliche Macht des König rechnen ihm nur 17% der Bevölkerung negativ an. Man hält ihm vielmehr zugute, dass er damit die marokkanische Wirtschaft nach oben ziehe. Dass der König weiterhin höchste juristische und politische Instanz ist, wird ebenfalls positiv bewertet, da die meisten Marokkanern den Politikern misstrauen.
Zu einer Frage fällt das Urteil jedoch negativ aus. Die Maßnahme, für die die Mohammed VI. gerade im Westen viel Beifall bekommt, wird von den meisten Marokkanern abgelehnt: Die Hälfte verwirft die Moudaouana, das neue Familienrecht, das Frauen die Scheidung erleichtert, die Heirat ohne Vormund erlaubt und das die Polygynie praktisch unmöglich macht. Überraschenderweise sollen dabei die Unterschiede nach Herkunftsregion, Bildungsstand und sozioökonomischem Status gering sein.
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Nachtrag 06.09.2009
Hier kann die zensierte Umfrage heruntergeladen werden (gefunden bei Maghreb Politics Review).
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Nachtrag 07.09.2009
In dem Artikel von “Le Monde”, den ich meinem Beitrag zunächst zugrundegelegt habe, heißt es mit Blick auf die Einstellung zum neuen Familienrecht (der Moudaouana):
Le principe de l’égalité des sexes est encore fort peu intégré au Maroc, et cela aussi bien par les femmes que par les hommes. Pour l’heure, le trait dominant des Marocains semble être… le machisme, et celui des Marocaines, la soumission au machisme, et ce quels que soient l’âge, la région et la catégorie socio-économique.
Das Prinzip der Gleichheit der Geschlechter wird in Marokko kaum akzepptiert, und zwar von Männern und Frauen gleichermaßen. Momentan scheint der dominate Charakterzug der Marokkaner der Machismus zu sein, und jener der Marokkanerinnen die Unterwerfung unter den Machismus, unabhängig von Alter, Region und sozio-ökonomischem Status
Sieht man sich die Auswertung der Umfrage (S. 72) an, lässt sich diese Behauptung nicht aufrechterhalten. Abgesehen davon, dass sich ein deutlicher Gender-Gap feststellen lässt, bestehen beträchtliche Unterschiede, wenn man den Bildungshintergrund in Betracht zieht. Bei den Männern findet die Auffassung, die Moudaouana habe den Frauen zu viele Rechte gebracht, bei jenen mit Hoschulbildung am wenigsten Zustimmung (49%), die höchste jedoch nicht bei dejenigen ohne oder mit nur geringer Schulbildung, sondern bei jenen, die über eine abgeschlossene Schulausbildung verfügen (72%). Bei den weiblichen Befragten aus dem entsprechenden Segment erhält gerade diese Antwort den geringsten Zuspruch (27%), während die gegenteilige Antwort, dass die Rechte der Frauen weiter gestärkt werden müssten, in diesem Segment den größten Anklang findet (33%). Das Kleinbürgertum scheint also das Hauptschlachtfeld im marokkanischen Geschlechterkampf zu sein.
51 % der Befragten wünschen sich eine stärkere Rolle der Religion in der Politik (S. 81). Die Zustimmung fällt in den beiden urbanisierten Regionen Norden und Atlantik deutlich höher aus als im ländlichen Süden und dem Zentrum mit den vermeintlich konservativen Königsstädten Fes, Marrakesch und Meknès. Besonders hohe Zustimmung findet sie bei Analphabeten und Hochschulabsolventen. Aber entgegen der verbreiteten Youth-Bulge-Theorie zur Erklärung des Islamismus stimmen deutlich weniger Befragte unter vierzig als ältere dieser Forderung zu.
- Dagegen, dass alle Exemplare ohne Gerichtsentscheidung vernichtet wurden, will Ahmed Benchemsi, der Herausgeber, nun seinerseits juristisch vorgehen. ⇧

Überraschenderweise sollen dabei die Unterschiede nach Herkunftsregion, Bildungsstand und sozioökonomischem Status gering sein.
Dass ein großer Teil der sozial relativ schwachen, eher ungebildeten sowie traditionell eingestellten Landbevölkerung einerseits und ein großer Teil der sozial vergleichsweise besser gestellten, gebildeteren, urbaneren sowie mit dem Islamismus mehr oder weniger sympathisierenden Mittelschichten andererseits die Moudaouana gleichermaßen ablehnen, ist bzw. wäre wenig überrschend.
Sagen wir mal so: Dass die Region eine geringe Rolle spielt überrascht am meisten. Wobei ich mit Blick auf Marokko vermuten würde, dass und unter Hochschulabsolventen die Anhängerschaft der Islamisten eher gering vertreten ist, womit es eher der Türkei als sagen wir Ägypten ähneln würde.