Plakatives und Lebendiges

Sunday, August 16, 2009
By Heinz Eggert

Morgenpostkolumne 16.8.2009

Wir fahren nach [wikipop language="de"]Oberwiesenthal[/wikipop] zur Hochzeit. Wenn man durch die Kleinstädte und Dörfer Sachsens fährt, merkt man, was für ein schönes und anmutiges Reiseland Sachsen ist.

Kein Wunder, das im Westen Deutschlands einige Leute sauer sind, weil in ihre Infrastruktur nicht die Mittel geflossen sind, die wir zur Verfügung hatten. Man sieht, dass die Sachsen etwas daraus gemacht haben. Dass wir diese Gelder auch noch weiter brauchen, wissen alle Ostdeutschen – außer Thüringens Ministerpräsident Althaus. Der will den Solidarbeitrag abschaffen. Wahlkampf!

Unterwegs die vielfältigsten Wahlplakate mit teilweise sehr einfältigen Texten gepaart. Offensichtlich glaubt man immer, dass die Bevölkerung das nicht merkt. Auffällig, dass gerade die Partei mit der niedrigsten politischen und menschlichen Instinktschwelle, ihre Plakate überall am höchsten gehängt hat.

In Oberwiesenthal sehe ich nach langer Zeit [wikipop language="de"]Jens Weißflog[/wikipop] wieder. Er steht selbst an der Rezeption seines Hotels und empfängt die Gäste. Unverändert freundlich, wohltuend und sachlich.

Einer der auf allen Skischanzen der Welt siegreich abhob und im persönlichen Leben nie abgehoben gelebt hat. Ich habe in den letzten zwanzig Jahren selten Menschen getroffen, die außerordentliches geleistet haben und trotzdem auf dem Teppich des Alltags geblieben sind.

Dabei brauchten wir solche Vorbilder in der Gesellschaft. Das höre ich auch in vielen Gesprächen mit den jungen Leuten der Hochzeitsgesellschaft heraus. Für mich beneidenswert, wenn ich höre, wo sie überall schon waren, wo sie gelernt, studiert, gelebt und Freundschaften geschlossen haben.

Wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie ihre Jugend, wie wir, im geschlossenen DDR-System verbracht hätten. Aber das ist – Gott sei Dank – Geschichte. Wenn auch eine unaufgearbeitete.

Die Zeremonie der Trauung findet mitten im Wald am [wikipop language="de"]Kreuzbrückfelsen[/wikipop] statt.

Wie ein natürlicher Dom – ein Felsen, dessen Name  so symbolisch ist, dass die einzelnen Worte in ihrer ursprünglichen Tiefe gar nicht ausgelotet werden können. Es ist gar nicht so einfach, in der Schönheit dieser Natur und ihrer Symbolik Atheist zu bleiben.

Aber Atheisten sind die jungen Leute eigentlich gar nicht. Sie sind schon beeindruckt und religiös. Das merkt man an ihrer Sprache und ihren Emotionen. Sie sind auch politisch engagiert und haben ganz genaue Vorstellungen.

Aber sie können mit den Institutionen der Kirche und der Politik nichts anfangen. Sie fühlen sich von beiden nur verwaltet, aber nicht ernst genommen und verstehen auch manchmal die dort verwandte Sprache nicht. Da hilft nichts Plakatives, sondern nur das gemeinsame Aufeinanderzugehen, -reden und -zuhören.

Ansonsten geht etwas in unserer Gesellschaft schief. Oder?

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