Noch einmal Tariq Ramadan
In den Niederlanden ging die Debatte über die Entlassung von Tariq Ramadan als “Brückenbauer” der Stadt Rotterdam und als Lehbeauftragter an der Erasmus Universiteit während der letzten Tage weiter. Seine Verteidiger stilisieren die Beendigung seines Lehrauftrags zum Anschlag auf die akademische Freiheit. So sehen dies zum Beispiel 20 Unterzeichner eines offenen Briefes, vorwiegend Professoren und Publizisten. Sie vergessen jedoch, dass Ramadans Tätigkeit an der Erasmus Universiteit von der Gemeinde im Rahmen seiner Tätigkeit als Brückenbauer finanziert wurde[1]. Und eben für diese Tätigkeit hat er sich aus der Sicht der Stadt mit seiner Tätigkeit für den iranischen Propagandasender Presse TV diskreditiert. Seine Arbeit als Moderator finden sie wenig anstößig, denn schließlich habe er sich für diese “apolitische Programm” völlige redaktionelle Unabhängigkeit ausbedungen. Wie sagte schon Orwell “One has to be an intellectual to believe such nonsense.”
Die Universität scheint seine Tätigkeit nicht für so wichtig zu halten, dass sie sie aus eigenen Mitteln finanziert. Die Unterzeichner behaupten außerdem, Ramadan habe die Unterdrückung durch das iranische Regime verurteilt, dorch zur Entwicklung nach den Wahlen habe ich auf seiner Website[2] keine Stellungnahme gefunden. Dass Ramadans Auffassungen über Frauen und Homosexuelle fortschrittlicher sind als die von 60% der Niederländer wage ich zu bezweifeln. Vier Professoren der Universität Amsterdam fordern wiederum, Ramadan an ihre Universität zu holen. Die Universitätsleitung hat dies aber sogleich abgelehnt.
Die Sozialhistorikerin Amanda Kluveld stellt dagegen die eigentlich wichtige Frage, worin eigentlich die wissenschaftliche Qualifikation von Tariq Ramadan besteht. Sie weist außerdem darauf hin, dass man schlecht gegen eine politische motivierte Beendigung der Gastdozentur protestieren kann, wenn man gegen die rein politisch motivierte Einrichtung derselben nie Einwände erhoben hat. Der Soziologie Mohammed Benzakour und die Philosophin Stine Jensen, wollen dies nicht gelten lassen, wissenschaftliche Meriten von ramadan werden in ihrem Beitrag allerdings nicht genannt[3]. In ähnlicher Weise geht m.E. die Argumentation Thomas von der Dunks ins Leere. Er wirft den Gegnern Ramadans vor, dass sie am lautesten für die Redefreiheit von Geert Wilders eintreten. Es sind aber weder Ramadans Bücher verboten, noch wurde ein Einreiseverbot erlassen, es geht also nicht um die Redefreiheit von Ramadan, sondern allein um die Frage, ob der Rotterdamer Steuerzahler die Verbreitung von dessen Ansichten subventionieren soll.
Zu klären wäre außerdem, inwieweit die Kritiker von Ramadan tatsächlich “Wilders-Fans” sind. Für Marietje Schaake, Europaabgeordnete von Democraten ‘ 66, einer Partei, die in etwa den hiesigen “bürgerlichen” Grünen entspricht, dürfte dies kaum gelten. Aber auch sie kritisiert Ramadans Verteidiger heftig:
Menschen haben allerlei Identitäten, darunter manche eine religiöse. Die Mehrheit der Muslime erkennt sich nicht in dem Label “Muslim” oder zumindest in keinem Fall allein darin, wieder. Die Regierung unterhält mit den Menschen als Bürgern nicht als Gläubigen eine Beziehung. So wird die Trennung von der Kirche verwischt.
Es ist daher auch ärgerlich mit welcher Leichtigkeit Ramadans Tätigekeit beim iranischen Staatsfernsehen, seine Meinungen und seine Person und die Position der niederländischen Muslime miteinander verbunden werden. Das ist eine Form von Paternalismus, welche die Muslime unnötigerweise in eine Opferrolle drängt. Die (Unterzeichner des offenen Briefs, MR.) schließen sich einer langen Reihe von Prominenten an, die sich hier schuldig machen.
Zum Publicitydebakel für die Advokaten des paternalistischen, islamismusfreundlichen Multikulturalismus wurde die Affäre Ramadan aber nicht wegen der Polemiken von Kluveld und Schaake, sondern weil eloquente Muslime darlegen, dass sie zum Zwecke ihrer Integration keines von der Obrigkeit berufenen “Brückenbauers” bedürfen.
Nazmiye Oral, eine Schauspielerin und Autorin türkischer Herkunft, kritisiert, dass Integration durch einen großen politischen Wurf erreicht werden soll. Deswergen habe die Gemeinde jemanden mit internationalem Renommee verpflichtet, der aber unpraktischerweise kein Niederländisch kann (und man muss es hinzufügen, der keinerlei Anstalten gemacht hat, daran etwas zu ändern). Aus ihrer Sicht, ist Integration jedoch etwas, dass sich primär im zwischenmenschlichen Bereich abspielt. Das Geld, das für Ramadan ausgegeben wurde, sei daher viel besser bei jenen aufgehoben, die sich täglich für lau in der Praxis engagieren. Der aus Marokko stammende Ökonom Fouad Laroui weist darauf hin, dass – meine Rede – Ramadans Diskurs erheblich hinter den Diskussionsstand in den Ländern zurückfällt, aus denen die meisten Muslime in den Niederlanden stammen:
Viele Muslime, besonders säkularistische Muslime in der Türkei, Indonesien und Marokko, haben ihre Reformation längst hinter sich gebracht, schlicht und einfach dadurch, dass sie akzeptieren, dass ihre Länder mit dem modernen Recht regiert werden, und nicht die Scharia (das koranische Gesetz[4] ). Allein die Islamisten wollen die Scharia wiedereinführen. Und trotzdem scheint die Obrigkeit in den Niederlanden nur mit den Islamisten reden zu wollen, die nichts reformieren können, wie wir oben gesehen haben.
Die Islamisten akzeptieren die Entwicklung nicht, welche die islamischen Länder im 20. Jh. durchgemacht haben und die dazu ngeführt hat, dass in der Türkei und Tunesien die Polygamie verboten wurde, oder der Abschaffung der hudud-Strafen[5] überall (abgesehen von einigen Ländern die im Mittelalter stecken geblieben sind). Sie wollen uns zurücklenken, lassen es dabei aber so aussehen, als würden sie einen Schritt vorwärts machen.
Kader Abdolah, ein Schriftsteller iranischer Herkunft, sieht dies ähnlich, obwohl er bekundet, Ramadan persönlich zu schätzen und gerne mit ihm zu diskutieren. Er betont nichtsdestotrotz, dass die Umsetzung von Ramadans Idealen zur Bildung eines abgegrenzten muslimischen Bevölkerungssegments führen würde. Dies wäre die Rückkehr zu einer Art “verzuiling“, deren Überwindung die Niederländer doch sonst als großen Fortschritt betrachten.
- Im Vertrag mit der Gemeinde Rotterdam steht auch, dass sie Ramadan beim Vorliegen schwerwiegender Gründe (? ”fundamentele argumenten”) mit zwei Monaten Frist kündigen kann. Der Arbeitsrechtler Evert Verhulp gibt einer etwaigen Klage daher kaum eine Chance. [Nachtrag 10.09.2009] ⇧
- tariqramadan.com ⇧
- Die Unterzeichner des offenen Briefes bezeichnen Ramadan, der meines Wissens kein Deutsch kann, als prickelnden Nietzschekenner. ⇧
- der Ausdruck ist natürlich leicht schräg, da der Scharia daneben die viel umfangreichere Prophetenüberlieferung zugrundeliegt. Leider behauptet Laroui in seinem Artikel auch Unsinn, etwa, dass es im Islam keine religiösen Autoritäten gebe, und dass niemand, jemanden aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausschließen könne. ⇧
- Die im Koran vorgesehenen (Körper)-Strafen wegen Diebstahl, Alkoholkonsum, unerlaubten Geschlechtsverkehrs und fälschlicher Bezichtigung desselben, M.R. ⇧

Martin, die Kritiker von Ramadan machen immer den gleichen Fehler. Unter anderem auch du. Es interessiert sich leider keiner dafür, wie die Rezeption seiner Bücher auf die Jugendlichen sind. Die Bücher sind vorwiegend für ein frommes Publikum geschrieben, das in vielem noch hinter Ramadans “pragmatische” Herangehensweise fällt. Daher ist sein Ansatz plausibel, innerhalb des islamischen Fiqh eine Entwicklung anzustoßen. Für Menschen, die eben sich nicht zwischen Moderne und islamischer Lebensweise entscheiden wollen.
Reform hat bei ihm eben nicht die Bedeutung wie bei islamischen Modernisten. Er ist nicht liberal auch kein Reformer, aber er versucht aus seiner Warte heraus das islamische Fiqh relevant zu machen.
Das was er schreibt, kann man ja inhaltlich kritisieren und auch ist es nicht das letzte Wort. Das kann sich ja entwickeln.
Ich persönlich hab eine etwas andere Sichtweise als er und würde auch in vielem viel weitergehen als er. Aber ich sehe in, (auch in meinem Umfeld), das seine Argumentation auf viele religiöse Jugendliche positiv wirkt, die endlich mal sehen, das es Spielraum gibt in der Scharia.
Und Spielraum ist eben das Zauberwort.
Wie geht man mit Spielraum um? Unter anderem wie es auch Hakan Turan (der ja ab und an in Jörg Laus Blog kommentiert) macht in seinem neuen Blog über islamisches Recht.