Süsse Rache

Sunday, September 13, 2009
Von Heinz Eggert

vernetztMorgenpostkolumne 13.9.2009

Handys sind hilfreich und zugleich stören sie oftmals. Ob in der Straßenbahn, in der Eisenbahn oder im Restaurant, ständig muss ich andere Gespräche mit anhören. Auf der einen Seite wehren sich Bürger gegen staatliche Überwachung im Rahmen der Kriminalitätsbekämpfung, auf der anderen Seite geben sie ungefragt in aller Öffentlichkeit Auskunft über ihr Leben.

Ich will nach Berlin fahren. Als ich den Parkplatz vor dem Bahnhof überquere, sehe ich eine junge füllige, rothaarige Frau, die erregt und unüberhörbar in ihr Handy schreit. Ich verstehe, dass ein Jens offensichtlich die Ramona zu ihrem Geburtstag gepoppt hat und dass sie ihm das heute abend noch deutlich beibringen wolle. Nun gut!

Der Zug hat wie so oft Verspätung. Also gehe ich noch einmal in die Bahnhofsgaststätte, um einen Kaffee zu trinken. An einem großen Tisch sitzt eine angeheiterte Gesellschaft. Die mollige [wikipop language="de" search="Rothaarig"]Rothaarige[/wikipop] in der Mitte. Der Mann neben ihr ruft mir zu, dass er mich kenne, dass er ein Linker sei und dass in der DDR nicht alles schlecht gewesen sei. Meine Antwort, dass jeder selbst für seine Irrtümer verantwortlich ist und dass ich in Ruhe meinen Kaffee trinken will, stoppt ihn nicht.

Eine ältere, füllige, in Brokat gewandete Frau dreht sich um und fordert ihn auf, Herrn Jurk in Ruhe zu lassen. Das Ganze begründet sie mit dem philosophisch-humanistischen Satz, dass schließlich jeder ein Recht auf Leben habe. Mich schaudert. Nicht ob der Verwechslung, sondern wegen der Begründung. Dann wird sie von dem alkoholisierten Mann darauf hingewiesen, dass das nicht der Jurk von der SPD sondern der Eggert von der CDU sei.

Das erfreut sie sichtlich und verleitet sie zu dem Bekenntnis, dass sie bei der letzten Wahl das erste Mal CDU gewählt habe, weil der [wikipop language="de" search="Stanislaw Tillich"]Tillich[/wikipop] einer von uns sei. Ob der Seelenverwandtschaft würde Tillich ganz bestimmt staunen. Aber Stimme ist Stimme. Politiker kann man sich auswählen, den Wähler nicht.

Ich trinke meinen Kaffee etwas schneller. Der Redeschwall des Mannes ist trotzdem nicht zu stoppen. Unmut macht sich am Tisch breit. Die Rothaarige, die mich sympathisch anlächelt, greift mit den Worten ein, dass Jens jetzt endlich die Klappe halten solle. Ach, Jens heißt der Mann. Das Handygespräch kommt mir wieder in den Sinn. Ich zahle und verabschiede mich von dem Tisch mit den Worten, dass es  bestimmt viel interessanter sei, wenn Jens erzählen würde, was er mit Ramona an ihrem Geburtstag gemacht hat.

Er sieht nicht sehr glücklich aus bei der Frage. Sofort kreischt die Rothaarige auf. Ja, das wolle sie auch sofort hören. Dann machte sie eine Pause und fragte mich, woher ich das denn wisse. Ja, sage ich, ehemalige Innenminister wissen viel. Dann gehe ich beschwingt zum Zug.

Nicht immer stören Handys. Manchmal sind sie auch sehr hilfreich. Wie diese Geschichte beweist. Oder?

–Heinz Eggert

Grafik © rasc / PIXELIO

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