Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer (1)
Warum wirken “Wessis” auf “Ossis” immer wieder arrogant? Oder umgekehrt?
Es ist schon seltsam. Müssten die Deutschen insgesamt nach 19 Jahren Deutscher Einheit nicht Gott auf Knien danken? Die Ostdeutschen, weil Gott sei Dank der Honeckerspuk vorbei ist. Die Westdeutschen, weil sie ihn nicht erleben mussten. Und beide gemeinsam, weil bei allen Schwierigkeiten, den vorgefundenen und den selbstgemachten, vom Fakt der [wikipop language="de" search="Deutsche Wiedervereinigung"]Deutschen Einheit[/wikipop] auch nach 19 Jahren nur mit unbändiger Freude gesprochen werden kann, weil es – Gott sei Dank – so gekommen ist. Und weil kein Blut vergossen wurde.

Erfurt: Blick vom Petersberg auf den Dom
Es gibt nicht viele geschichtliche Ereignisse, auf die wir Deutschen wirklich stolz sein können. Gemeinsame Gesangbücher des Dankes müssten sie herausgeben. Aber stattdessen scheint es, stürzen sie sich wie die Lemminge in die deutsch-deutsche Befindlichkeitsfalle. Das können sie ja auch. Das haben sie gelernt. Das liegt ihnen. So entgehen sie auch der Gefahr sich gemeinsam verändern zu müssen.
In dieser sozio-kulturellen Selbstbefriedungsphase, angesichts, der natürlich zu vernachlässigenden Weltproblematik, treffen sie sich in ihrer gemeinsamen Überheblichkeit. Und geben zur besseren Anschaulichkeit statt Dankesbücher ”Sachbücher” heraus. Aus ihnen ist ersichtlich wie schwer sie es haben, die Deutschen. Oder es sich machen.
Und das Ausland steht staunend davor. Und glaubt es nicht. Denn aus den “Sachbüchern”, deren Autorennamen wir der Nachwelt nicht überliefern müssen, können wir, wenn wir denn wollen, lernen, dass die Ostdeutschen faule, unfähige, verantwortungslose und demokratieunfähige Jammerlappen sind, die man zu früh kollektiv auf den Nachttopf gesetzt hat, so dass auf grund der psychischen Verformung Änderung wohl nicht in Sicht sein kann.
Oder was für ein gemeiner, arroganter, hinterhältiger, schmierig schauspielender und die armen ehrlichen Ostdeutschen übertölpelnder Typ der Westdeutsche ist. Und dass es in der sozialistischen DDR ohnehin wärmer zugegangen sei als im kalten Kapitalismus. Da überzeugt auch nicht der Verweis darauf, dass es in einem Stall, der nie aufgemacht wird, immer wärmer ist. Uninteressant.
Stammtischklischees werden “wissenschaftlich untersetzt”. Interessant: gnadenlose Klischees über die Ostdeutschen und den Westdeutschen. Die Ostdeutschen als Regelfall, der Westdeutsche als Ausnahme. Nun gehen ja Klischees nie an der Wirklichkeit vorbei. Sie tummeln sich zwar an der Oberfläche und verdecken die eigentlichen Abgründigkeiten, sind aber immer durch real existierende Beispiele zu belegen. Jeder von uns kennt solche Typen.
Natürlich gibt es die “Glücksritter der Anfangsjahre”, die die Unsicherheiten der Anfangsjahre nutzten um Andere übers Ohr zu hauen und für sich selbst Kasse zu machen. Nicht jeder, der vorgeblich in den Osten gekommen war um zu helfen war wirklich hilfreich. Zumindest nicht für den Aufbau Ost. Abgebrochene BWL-Studenten, die als Wirtschaftsberater auftauchten, Heerscharen von Versicherungsvertretern, die alles versicherten, was nicht zu versichern war, amtsgeile Politiker, die aus guten Gründen im Westen nie gewählt worden waren, forsche junge Leute, die sich im Westen aus guten Gründen erst einmal bei einer Anzeigenzeitung hätten bewähren müssen, wurden Korrespondenten von angesehenen Tages und Wochenzeitungen. Sie waren aufgrund von purem Glück in eine Position gerutscht, die ihnen weder vom Wissen noch vom Können her zustand. Aber sie nahmen es als selbstverständlich.
Der Einäugige ist unter den Blinden König. Dachten sie. Denn die Erleuchtung kam nicht aus dem Osten sondern hatte aus dem Westen zu kommen. Das hatten sie begriffen. Sie waren davon überzeugt, das es sich im Einheitsprozess um einen Quantensprung vom Niederen zum Höheren, vom Gescheitert sein zum Siegreichen, vom Nichtbewährten zum Bewährten handelte. Ihre Rolle war daher definiert. Sozusagen geographisch vorgegeben. Denn sie kamen ja aus dem Westen.
Aber das war nicht nur ihre Überzeugung. Es war langläufige Überzeugung die wissentlich und unwissentlich lange vorbereitet war und auf die sie sich jetzt stützten. Es war die Wirkung der jahrzehntelangen Ignoranz und Arroganz vieler Verantwortlicher in Politik und Medien der alten Bundesrepublik, die die Wirklichkeit der DDR nur durch die Brillen ihrer eigenen Vorurteilskraft wahrnahmen.
Wie viele haben im Westen, vom warmen Kissen der sozialen Marktwirtschaft aus die sozialistischen Experimente in der DDR mit Sympathie beobachtet und gestützt? So das selbst 1989 in Thesen ernsthaft behauptet werden konnte , die Erneuerung in der DDR könne nur aus der Nomenklatur der SED erfolgen, nicht aus den Reihen der Opposition. Das wurde auch noch ernsthaft diskutiert. Interessant ist doch, dass sich die Experten in der Bundesrepublik Deutschland, ob auf dem Geistesgebiet, ob in der Journalistik oder in der Wirtschaft zum größten Teil getäuscht haben. Sie haben ein Bild von der DDR gemalt, das sie letztlich selber geglaubt haben. Und sie haben damit ein Bild vermittelt, das wenig mit der Wirklichkeit zu tun hatte und im ersten Stadium der Einheitsbemühungen beleidigend für die Ostdeutschen war.
Ich erinnere nur an den Versuch, die Banane als Einheitsfrucht darzustellen. Deshalb glauben ja auch noch viele im Westen Deutschlands, sie hätten uns nicht nur die Bananen sondern auch die Freiheit gebracht. Hier wurde der Grund gelegt für eine überhebliche Einstellung, die bis heute anhält.
(Fortsetzung folgt am 12. Oktober)
Foto: Michael Kreutz
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