Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer (2)
(Forts. vom 5. Oktober)
Dazu kam die Unsicherheit der Ostdeutschen, Sie schien argumentativ die Überheblichkeit der Anderen zu stützen. Denn wie ist es denn, wenn man lernen muss mit dem grundlegenden Wandel aller Lebensverhältnisse umzugehen? Sich dem Neuen zu öffnen, ohne es kritiklos übernehmen zu wollen. Wie ist das eigentlich wenn auf einmal viele Koordinationsmuster wegfallen. Löhne, Mieten, Ämter, Straßennamen sich ändern. Wenn man nicht mehr weiß: Ist mein Beruf überhaupt noch anerkannt, wo werde ich morgen arbeiten, gehört das Haus, das ich mal gekauft habe, wirklich mir, was ist eine Versicherung? Wie ist unsere soziale Absicherung?
Als wir in unserer Familie beispielsweise den Antrag auf Kindergeld bekamen, habe ich zwei Stunden gebraucht, um den Antrag auszufüllen. Andere haben ihn weggeschmissen, weil sie dachten, es sei eine Werbesache und haben deshalb zunächst einmal kein Kindergeld bekommen. Ein älterer Mensch der in Rente geht und einen Rentenantrag ausfüllen muss, der kommt ja auch nicht auf den Gedanken, dass er zu Lebzeiten noch einmal in den Genuss derselben kommen könnte. Wir haben zu Ostzeiten über Bürokratie gelacht und wissen erst heute, was das ist.
Dazu kam die niederschmetternde Erfahrung der Ostdeutschen: Wer Geld hat, kann etwas bewegen! Eine zum Teil bittere Erkenntnis für manchen ehemaligen DDR-Bürger. Eine Vermögensbildung konnte unter den “politisch-ökonomischen” Verhältnissen des real existierenden Sozialismus nicht stattfinden, während sich im Westen riesige Privatvermögen anhäuften. Aber zum Kapitalismus gehört nun einmal Geld. Dieses aber hatten sie nicht. Denn eine Vermögensbildung war fast unmöglich im real existierenden Sozialismus.
1974 habe ich an der Universität in Rostock meine Diplomarbeit über Jugendseelsorge geschrieben, und habe daraufhin durch die Vermittlung eines Professors vom Bertelsmann-Verlag eine vierbändige Ausgabe “Jugendseelsorge” geschenkt bekommen. Ich weiß heute noch, wie entsetzt ich war, als ich hörte, dass das Werk insgesamt um die 500 DM gekostet hat. Wenn ich das ganze mal sieben nehme, war das ungefähr das Jahresgehalt eines Pfarrers in der DDR – in Mark der DDR versteht sich. Als ich jetzt meine Bezügeabrechnung über 16 Dienstjahre bei der Kirche bekam, ergab es die stattliche Summe von 109.000 DDR–Mark. Ich vermute einmal, dass ein Pfarrerkollege im Westen in 16 Jahren etwas mehr verdient hat. Gut, wenn nicht verdient, so doch bekommen.
Diese Vergleiche wurden gerade nach der Wende immer wieder angestellt und haben ihre Langlebigkeit bis heute bewiesen. Die einen nehmen sie als Bestätigung für die These, dass die Ostdeutschen das Arbeiten lernen müssen. Denn sonst wären ja die Erträge zu sehen. Manche Ostdeutschen sehen auch es weiterhin als ständige Benachteiligung.
Aber es wäre sehr verhängnisvoll, wenn dem Glauben nicht entgegen getreten wird, dass dadurch, dass ein Staat bankrott gegangen ist, nicht auch automatisch die Lebensleistung der Menschen, die in diesem Staat gelebt haben, entwertet wird. Wahr ist, auch eine Lebensleistung, die sich nicht in D-Mark ausgezahlt hat bzw. ausdrücken lässt, ist eine Lebensleistung und bleibt eine Lebensleistung.
Aber diese Erkenntnis passt nicht in die Vorurteile. So trifft Reaktion auf Gegenreaktion.
Zu ihnen passt die gängige Praxis, das jeder im Osten sich durchleuchten lassen muss, aber nicht in der Art des vorsichtigen Beurteilens, sondern eher des Urteilens über die Lebensläufe der Einen bzw. der Anderen. Und jetzt kommt die Spitze herablassender Überheblichkeit, den Ostdeutschen wird von Westdeutschen nicht nur erklärt, wie es in Zukunft auszusehen hat, sondern ihnen wird auch ihr Leben in der DDR erklärt. Wie sie wann und wo richtig hätten reagieren müssen. Dass das auch richtig vermarktet werden kann, wissen nicht nur neunmalkluge Journalisten. Auch im Sport, in der Kunstszene, im Literaturbetrieb urteilt man Gutes und Schlechtes, im übermaß Angepasstes und schwer erkämpftes Freies, pauschal in Bausch und Bogen.
Warum? Es geht um Meinungsführerschaft. Es geht ums Recht haben, nicht um Gerechtigkeit zu schaffen. Und es geht natürlich um Förder- und Futtertöpfe. Denn die waren lange schon besetzt. Teilung überwinden heißt doch teilen. Oder?
Ein Satz, der jetzt zu den Feierlichkeiten im 20. Jahre des Mauerfalls – wo oftmals die Falschen die Festaktreden für die Richtigen halten – viel Beifall bekommen wird. Besonders deshalb, weil die damals eingenommenen Führungspositionen inzwischen schon Erbhöfe geworden sind. Gerne stelle ich die Frage an Menschen, die im Westen groß geworden sind, wie denn ihr Leben unter den Bedingungen einer Diktatur verlaufen wäre. Erstaunlich ist doch, da der politische Druck einer Diktatur in den alten Bundesländern nicht besteht, dass man dort auch nicht mehr Rückgrat entdecken kann und viel zu viel Opportunismus vorfindet.
Vielleicht ist das der Tatsache geschuldet, das Opportunismus staatstragend ist. Man möge uns verzeihen, dass wir 1989 an dieser Stelle wirklich ganz andere Vorstellungen hatten. Aber dann kam die von allen wieder ge”spiegel”te alle empörende Offenbarung. Der Vorhang wurde beiseite gezogen und das Trauerspiel “Staatliche Geldvernichtung im Osten” konnte beginnen.
Ein Novum in Deutschland? Ja! Denn bis jetzt fand sie immer nur im Westen statt. Sollte hier der Ruf nach notwendigen Angleichungen von den Ostdeutschen missverstanden worden sein? 1.250 Milliarden Euro sind vom Westen in den Osten geflossen wurde vor Jahren geschrieben. Das ist eine begreifbare und aussagekräftige Zahl, die sich besonders den klugen und rechnerisch begabten Menschen in unserem Land, die ihre eigene Steuererklärung nicht mehr begreifen, sondern nur noch glauben können, sofort erschließt Besonders denjenigen, denen aus dem Aufbau Ost in einem unterirdischen Finanztransfer Millionen an Steuerabschreibungen, Fördermitteln und erzielten Umsätzen die eigene Eigentumsbildung West mehrten. Wussten sie eigentlich, dass sich von 1989 bis 1992 die Zahl der Einkommensmillionäre West um 38% erhöht hat? Raten Sie einmal wo diese wohnen. Richtig, im ehemaligen Zonenrandgebiet und in West-Berlin. Logisch. Einheitsgewinnler
Wir dürfen jetzt an dieser Stelle nicht vergessen – und können es auch deutlich sagen – dass der Aufschwung im Osten für einige Jahre die gesamtdeutschen Auswirkungen der weltweiten Rezession heraus gezögert hat. Der Aufschwung Ost hatte hier wie ein Konjunkturpuffer gewirkt. Dadurch war für viele Wirtschaftsexperten der kritische Blick auf die gesamtdeutsche Strukturkrise verstellt. Im Westen wurde produziert und im Osten konsumiert. Nachdem dann jeder Ostdeutsche seinen Baumarkt und sein Autohaus hatte mussten wir mit aller Macht darauf drängen, das die mit Steuergeldern geförderten Privatunternehmen nicht nur verlängerte Werkbänke des Westens und absatzmarktnahe Betriebsteile westdeutscher Unternehmen waren. Denn wir brauchen ein eigenes Geflecht produzierender Betriebe.
Das alles war natürlich schlecht heraus zu rechnen. Genau so wenig wie die wie Geldvernichtungsmaschinen wirkenden unbescheidenen Gesetzeswerke und Verwaltungsvorschriften des Westens, die in völliger Situationsverkennung im Osten angewandt werden mussten. Koste es, was es wolle! Wir haben zu Ostzeiten über Bürokratie gelacht und wissen erst heute, was das ist. Ich bin mir sicher, wenn Ludwig Erhardt 1955 die Verwaltungsvorschriften der heutigen Bundesrepublik gehabt hätte, er hätte noch so viele Zigarren rauchen können, so schnell wäre der Wirtschaftsaufschwung auch damals nicht gekommen. Nur wer zu Recht den Abbau bürokratischer Hemmnisse fordert, wer zu Recht den schlanken Staat fordert, der muss auch wissen, dass das eine Verschlankung der Zuständigkeiten voraussetzt. Was dem Westen schon lange nicht gut tut, konnte doch dem Osten auch nicht gut tun!
Eine folgenlos gebliebene Einsicht. Nachdenken ist nicht dividierbar, schon gar nicht im denkerischen Zerlegen der deutschen Einheit in Ost und West, Süd oder Nord. 1.250 Milliarden Euro – nicht überprüfbar und begreifbar, aber gut, dass wir es wissen. Da haben manche Stammtische wieder ihr Thema. Das Menetekel an der West‐ Wand: Der Aufbau Ost beschleunigt den Absturz West! Und an der Ost‐Wand: Der Westen will uns total vergessen!
Tante Karlas Bemerkung, die um die Familienfreude zu erhöhen zu einem Besuch aus Dresden in Bochum eingetroffen war: “Hier in Bochum sieht es ja aus wie früher bei uns im Osten. Da hatten die Häuser auch keine Farbe und die Straßen waren kaputt”, erwies sich im Kleinen als wenig friedensstiftend und ist im Großen schon gar nicht zu verwenden. Vielleicht wollen auch deshalb einige die Mauer wieder zurück, um vor ihren Verwandten geschützt zu sein, denn das Wort Familienbande hat er einen üblen Beigeschmack von Wahrheit (wie Karl Kraus schon einmal bemerkte). Fakt ist, dass auf beiden Seiten, die Animositäten und Vorurteile in vielen Familien an die jüngere Generationen weitergegeben werden.
Es sei wie es sei.
Jetzt können die Kurzdenkenden auf beiden Seiten Dampf ablassen, ohne mit ihren Bemerkungen und Aussprüchen die Statistik fremdenfeindlicher Bemerkungen zu erhöhen, denn sie äußern sich ja über Inländer. Deutsche über Deutsche! Argumentationsfallen lauern natürlich überall. Die untergründig unbeabsichtigte, aber willkommene Aussage, Ostdeutsche können nicht mit Geld umgehen, könnte unbedarfte Gemüter glauben lassen, die jetzige Bundesregierung bestehe aus lauter Ostdeutschen. Es scheint einen sich selbst karikierenden “Paradigmenwechsel” zu geben. Die Zeit der Ossis und Wessis mit ihren in Deutschland unerträglichen und im Ausland nie verstandenen Diskussionsansätzen ist vorbei.
(Fortsetzung folgt am 19. Oktober)
Foto: Michael Kreutz
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