Zehn Minuten in Zürich auf dem Bahnhof
Morgenpost-Kolumne 11.10.2009
Letzte Woche flog ich über Frankfurt nach Zürich. Auf dem Dresdner Flughafen ein aufdringlicher Sicherheitsmann, der offensichtlich vergessen hatte, dass er für die Gewährleistung von Sicherheit und nicht für das Schikanieren von Fluggästen bezahlt wird. Für den Umgang mit Menschen muss er schon in der DDR seine Prüfung gemacht und nichts dazugelernt haben. Aber bei der Freundlichkeit des übrigen Personals – Gott sei Dank – eine Ausnahme. Trotzdem ärgerlich!
Mit der Eisenbahn fuhr ich dann von Zürich nach Luzern. Als ich auf dem Züricher Hauptbahnhof auf den Zug wartete, fielen mir die Auseinandersetzungen mit dem Landesbischof auf dem Pfarrertag im Juni 1989 in Kamenz ein. Er wurde damals von einigen Pfarrern aufgefordert, in Zukunft keine Einladungen mehr zu Konferenzen im westlichen Ausland anzunehmen. Denn das Volk der DDR dürfe auch nicht reisen und im Westen könne durch die Teilnahme ostdeutscher Kirchenvertreter der Eindruck entstehen, es gehe doch demokratisch in der DDR zu.
Wobei wir natürlich auch immer wussten, dass es auf diesen Konferenzen nur in Vieraugengesprächen möglich war, die wirklichen Konflikte in der DDR zu benennen, ohne dass die Staatssicherheit mithörte. Natürlich nur, wenn keiner der beiden Kirchenvertreter auch für sie arbeitete. Aber der Gedanke kam uns damals noch nicht.
Der Bischof verstand die Kritiker und auch die Argumente. Er verstand auch die geforderte Zeichensetzung der Kirche für die Menschen in einer Diktatur. Denn auch dabei ging es um die Glaubwürdigkeit der Kirche und ihrer Mitarbeiter.
Aber um noch einmal klarzumachen, dass es wirkliche Arbeitsreisen seien, schilderte er sehr genau den Ablauf. Er fahre – ausreichend kontrolliert – mit dem Zug nach Zürich, warte dort zehn Minuten darauf, dass er zur Konferenz abgeholt werde. Nach der Konferenz werde er wieder zum Bahnhof gebracht, habe noch nichts von der Stadt gesehen, warte wieder zehn Minuten auf dem Hauptbahnhof in Zürich und reise dann – wieder gut kontrolliert – in die DDR ein.
Niemand zweifelte an seiner Darstellung. Dann meldete ich mich zu Wort und sagte: Aber Bruder Bischof, das ist es doch schon. Einmal aus dieser zugeriegelten DDR heraus und einmal im Leben zehn Minuten in Zürich auf dem Hauptbahnhof stehen dürfen! – Jetzt stand ich sogar schon länger als zehn Minuten auf dem Züricher Hauptbahnhof und genoss meine Bewegungsfreiheit, die mich jetzt in die ganze Welt führen kann.
Aber vielleicht können wir auch nur etwas genießen, wenn wir es nicht für selbstverständlich nehmen. Oder?
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