Gemeinsame Interessen

Sunday, October 11, 2009
By Martin Riexinger

Die Affinität der Architektur Le Corbusiers zum Totalitarismus ist nicht zu übersehen. Dass er für Stalin um die Gunst Stalins bemüht war, ist bekannt. Völlig verdrängt wurde hingegen, wie aktiv er während des Zweiten Weltkriegs um die Gunst der Vichy-Regierung. Erst letztes Jahr hat dies der Kunsthistoriker Nicholas Fox Weber ausführlich dargestellt. Die Weltwoche hat dem Thema in ihren letzten beiden Ausgaben Artikel gewidmet (1, 2).

Ein interessanter Nebenaspekt: Bei den Planungen für die Neugestaltung von Paris arbeitete Le Corbusier mit dem Arzt Alexis Carrel zusammen, der in seinem Bestseller “L’homme cet inconnu” (der Mensch das unbekannte Wesen), die westliche Zivilisation für völlig deformiert erklärt hatte. Im Vichy-Regime hoffte auch er mit staatlicher Hilfe seine Visionen verwirklichen zu können:

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs kehrte er erneut in die Heimat zurück; im Vichy-Frankreich machte ihn Marschall Pétain 1941 zum Chef der (mit 40 Millionen Franc und 150 Mitarbeitern ausgestatteten) Stiftung für das Studium der Probleme des Menschen. In der Vision des streng asketisch lebenden Mediziners bildete das Forschungsinstitut ein „wissenschaftliches Kloster“, in dem „die wissenschaftliche Basis des mystischen Lebens“ studiert und der „Gegensatz von Wissenschaft und Religion“ überwunden werden sollten.

Im Westen geriet Carrel nach dem Zwiten Weltkrieg erst in Verruf, dann in Vergessenheit. Die größte Wirkung sollte sein Gedankengut daher in Ägypten entfalten. Für Sayyid Qutb, den Muslimbruder und Vordenker des Islamismus wurde er zum wichtigsten westlichen Kronzeugen dafür, dass die westliche Zivilisation am Rande des Abgrundes stehe.

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