Fixe Idee als Methode

Wednesday, October 14, 2009
Von Martin Riexinger

Pakistan hingegen hat unter seinen 34 Millionen Knaben über 20 Millionen nicht erbende Söhne. Mangels passabler Karriereaussichten empfinden viele dieser überzähligen Brüder Sieg oder heroischen Untergang als gleichermaßen ehrenwerte Optionen.

Kann dem Heinsohn mal jemand erklären, das es sich beim islamischen Erbrecht um ein Realteilungsrecht handelt, bei dem die Erstgeburt keine Rolle spielt?

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6 Responses to “Fixe Idee als Methode”

  1. Heinsohn ist schon ‘ne komische Nummer, aber auch wenn sich 34 Millionen pakistanische Söhne spärlich vorhandene Jobs in brüderlicher Eintracht teilen sollten, wird seine plausible Annahme, dass Gewalt für Dauerarbeitslose und Minderbeschäftigte eine gangbare Karriereoption sei, durch den hier marginalen Detailfehler nicht widerlegt, ebenso wenig wie sein ja kaum origineller Gedanke, dass Länder mit einen hohem Anteil junger Männer Kriegsverluste eher in Kauf nehmen können als solche mit einem hohen Anteil an ein- oder zwei-Kind Familien.

    Im dreißigjährigem Krieg konnten wir erleben, was Militanz als zweiter Arbeitsmarkt zu leisten vermag, und die Arbeitslosen der Weimarer Republik haben sich leider viel zu wenig mit Handarbeiten oder Briefmarkensammeln beschäftigt – die SA zahlte besser und versprach noch mehr.

    #52726
    • Heinsohn ist kurioses Gewächs der Uni-Bremen. In den 1970er Jahren auf dem marxistischen Ticket ((Vorschulerziehung und Kapitalismus: eine soziologische Untersuchung der Ursachen, systemverändernden Möglichkeiten und Verwirklichungsschwierigkeiten von Reformbestrebungen in der Vorschulerziehung des kapitalistischen Deutschland, Frankfurt a.M.: März-Verl., 1971)) zum Pädagogikprofessor geworden, hat sich dann aber zum Völkermord-Experten erklärt und die Demographie als neuen monokausalen Erklärungsansatz entdeckt.

      Was Sie hier vorfinden ist die Übertragung eines materialistischen Erklärungsansatzes für die kreuzzüge auf die islamische Welt. Er tischt noch andere längst widerlegte Ideologeme auf, etwa dass die Kirche die Hexenverfolgung betrieben habe, um das Wissen der Frauen um Geburtenplanung auszurotten.

      Im dreißigjährigem Krieg

      Welchen meinen Sie?

      #52728
  2. > Kirche – Hexenverfolgung
    Ja, die Schote kannte ich, seine marxologische Phase nicht. Mit dreißigjährigem Krieg meinte ich den von 1618, als viele das Söldnerdasein dem Hungern oder Versauern vorzogen. Andere kenne ich nicht – vielleicht haben sich Chinesen oder Haussa auch mal ewig gekloppt, aber als alter Euromaniker ist es mir entgangen…

    btw: Benachrichtigung per email wären hier praktisch (bei Herrn Lau auch) – dann muss man nicht extra nachsehen, ob sich was tut.

    #52729
  3. N. Neumann

    aber auch wenn sich 34 Millionen pakistanische Söhne spärlich vorhandene Jobs in brüderlicher Eintracht teilen sollten, wird seine plausible Annahme, dass Gewalt für Dauerarbeitslose und Minderbeschäftigte eine gangbare Karriereoption sei, durch den hier marginalen Detailfehler nicht widerlegt

    @ M. Möhling

    In Kurzform:

    Heinsohns These ist plausibel, aber die vorhandenen empirischen Stichproben zur sozialen Herkunft von Hardcore-Islamisten erhärten sie nicht. Ebenso wie beim europäischen Linksterrorismus handelt es sich beim Dschihadismus überwiegend um ein Mittelstandsphänomen. Siehe etwa die Studie von Kepel über ägyptische Dschihadisten aus den 80ern oder die jüngere von Marc Sageman (2004) über diverse Alqaidaisten aus verschiedenen Ländern.

    Der in Relation betrachtet Arme oder Unterbeschäftigte wird im Allgemeinen ungleich häufiger kriminell (Eigennutz, Überleben) als politischer Aktivist oder Terrorist (Idealismus, hohe persönliche Risiken). Daneben spricht einiges dafür, dass sich Söhne aus der Mittelschicht islamisch geprägter Länder häufiger ihre berufliche Beschäftigung durch einen ausgeprägten Hang zu einer totalitären Ideologie verbauen als dass bei ihnen durch berufliche Unterbeschäftigung ein Hang zu einer totalitären Ideologie entsteht.

    Möglicherweise ist der Anteil von Armen bzw. Personen aus der Unterschicht unter den Taliban vergleichsweise höher. Eine gewisse Form von Gebietsherrschaft bietet für Terrororganisationen bessere Rekrutierungsmöglichkeiten. Und wer nach Feierabend gegen Entgeld eine Sprengfalle am Straßenrand deponiert, stellt nicht sein ganzes Leben in den Dienst der einzig wahren und guten Sache, für den andere das ihrige bereitwillig opfern.

    Aber inwieweit das im Zusammenhang Afpak eine Rolle spielt, ist nicht sicher. Es gibt hier sozusagen nur indirektes empirisches Material. Wobei das Heinsohns Depravationsthese eher nicht bestätigt. Martin Riexinger hat in diesem Blog darauf hingewiesen, dass es um die empirische Relevanz der vielzitierten islamistischen Madrassen Pakistans weitaus schlechter bestellt ist als landläufig angenommen. Offenbar wird eine weitaus geringere Anzahl bzw. ein geringerer Anteil der pakistanischen Schüler in solchen Anstalten beschult als häufig vermutet.

    Zugespitzt könnte man sagen, dass der Anti-Gutmensch Heinsohn hier eine Gutmenschen-These vertritt.

    #52733
    • Vor allem ist es wohl ein Mythos, dass der Zulauf zu den madāris ökonomische Gründen statt ideologische Gründe hat.

      Zugespitzt könnte man sagen, dass der Anti-Gutmensch Heinsohn hier eine Gutmenschen-These vertritt.

      Gutmnesch trifft es nicht unbedingt, eine Form des sozio-ökonomischen Determinismus hat eine andere ersetzt.

      #52734

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