Unterschiedliche Blickwinkel

Sunday, October 18, 2009
Von Heinz Eggert

Morgenpostkolumne 18. Oktober 2009

Am  Dienstag laufe ich durch die mittelalterlichen Gassen in Tallinn und meine die Zeit sei stehengeblieben. Ein wilder Architekturmix von der Gotik bis zum Klassizismus. Viele der alten Hanse-Handelshäuser sind inzwischen zu Restaurants oder Geschäften umfunktioniert. Man kann dem Glasbläser bei der Arbeit zusehen oder in den Restaurants als Tourist ausgenommen werden. Touristen sind nun einmal die Reichen. Das begreift man sofort, wenn man die Kellnerin fragt, was sie verdient.

Auf dem Domberg ein hervorragender Blick über die Stadt: Allerdings sieht man vor hier aus auch die großen Trabantenstädte aus der Sowjet-Zeit. Und so schön die Innenstadt auch ist: Die Vorstädte sind teilweise noch sehr heruntergekommen. Das ist das eigentlich ehrlichere Bild über den jetzigen Zustand dieses Landes.

Auch darüber diskutieren wir an diesem Abend auf einer gemeinsamen Konferenz.

“Wir wollen nicht das Ostdeutschland des Nordens werden”, sagt ein estnischer Politiker stolz.

Seitdem der estnische Ministerpräsident in einer Fernsehansprache den Staatsbankrott kategorisch ausgeschlossen hat, sind alle Esten  überzeugt, dass er kommen wird. Politikgläubigkeit des Volkes setzt eben manchmal andere Akzente, als Politiker beabsichtigen.

Nach dem Estland lange als baltischer Tiger galt, merkt man jetzt, dass er zu kurz gesprungen ist. Zu viel Konsum, zu wenig Investitionen. Eine völlig neue Situation für die leicht verwöhnte Republik an der Ostsee. Der  Wirtschaftsboom ist vorbei. Dabei waren sie die Vorzeige-Balten.

Das Land wickelte seinen gesamten Geldverkehr über Computer ab, die Verwaltung wurde auf Internet umgestellt, das den Esten heute sogar den Gang zur Wahlurne erspart. Kinokarten und sogar Bankkredite wurden in Hochzeiten des Booms per SMS geordert – und umgehend bestätigt. Man lebte über seine Verhältnisse. Jetzt stehen Schlangen an den Arbeitsämtern.

Aber der notwendige Optimismus, den man braucht um Krisen zu überstehen, ist vorhanden. Die Esten sind ein tapferes Volk. Als ich sage, dass die Deutsche Einheit bis jetzt 1,3 Bio. Euro gekostet ohne, das deshalb eine Wohlstandsexplosion in den neuen Bundesländern stattgefunden hätte, geht ein Raunen durch den Saal.

Wir wollen nicht das Ostdeutschland des Nordens werden, sagt ein estnischer Politiker stolz.

Daraufhin entgegnet eine Estin, sie wäre sehr froh, wenn es jetzt schon so wäre und begründet es  gut mit viel Sachkenntnis. So gut, das auch mir klar wird, wie gut wir es im Weltvergleich getroffen haben. Bei allen Problemen, die wir noch haben.

Unterschiedliche Blickwinkel. Aber wer nur auf die Probleme starrt sieht die Chancen nicht. Oder?

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