Ein altes Lied

Friday, October 16, 2009
Von Martin Riexinger

Das Plakat der Befürworter der Schweizer “Minarettinitiative” hat bei deren Gegnern Empörung ausgelöst und wurde in einige Städten mit linker Ratsmehrheit, z.B. Basel, verboten. Dies findet man rechts wiederum empörend. Mancher sieht darin auch eine Chance. “Weltwoche”-Chefredakteur Roger Köppel meint:

Die Minarett-Initiative ist keine Katastrophe, wie der Schweizer Werber des Jahres, Frank Bodin, in einer Fernsehsendung sagte. Die Minarett-Initiative ist ein Segen, weil sie die entscheidende Diskussion auch bei uns auf die Agenda bringt: Wie viel Islam will die Schweiz? Welchen Islam will die Schweiz? Dass die Schweizer Muslime auf solche Fragen mit aggressiver Gekränktheit reagieren, ist ein weiterer Beweis für die Notwendigkeit ihrer Beantwortung. Wer Misstrauen auslöst, kann nicht die Leute beschuldigen, die ihm misstrauen. Er muss Vertrauen schaffen durch Taten und Worte. Solange das nicht geschehen ist, sollten wir weder Minarette noch Moscheen bauen.

Dafür findet er auch einen historischen Präzedenzfall:

Ein gutes Beispiel liefert die jüngere Schweizer Geschichte. Nach dem Sonderbundskrieg und der Gründung des Bundesstaates standen die Katholiken unter Bewährung. Der Misstrauensvorschuss hielt lange an. Das Jesuitenverbot dauerte bis 1973. Die Jesuiten wurden mit dem militanten, ultramontanen, illoyalen Katholizismus identifiziert und als Gefährdung der inneren Ordnung betrachtet. Sie galten als fünfte Kolonne gegen den liberalen Bundesstaat und die Verfassung. Auch der militante Katholizismus musste zuerst abkühlen und in institutionelle Bahnen geleitet werden. Den Muslimen ist Gleiches zuzumuten.

Da hinkt manches. Niemand verlangt von Roger Köppel (”wir”), eine Moschee zu bauen, die Muslime stellen doch deutlich weniger als die Hälfte der Bevölkerung, und ihre Vereine sind wohl kaum mit der wohlorganisierten Katholischen Kirche zu vergleichen.
Propagandistisch wurde allerdings auch damals schon grob geholzt. Vorn dabei war jemand, den man heute primär als Autor von Schullektüre kennt:

Hussa! Hussa! die Hatz geht los!
Es kommt geritten klein und groß;
Das springt und purzelt gar behend,
Das kreischt und zetert ohne End –
Sie kommen, die Jesuiten!

Da reiten sie auf Schlängelein
Und hintennach auf Drach und Schwein;
Was das für muntre Bursche sind!
Wohl graut im Mutterleib dem Kind:
Sie kommen, die Jesuiten!

Huh! wie das krabbelt, kneipt und kriecht!
Und wie’s so infernalisch riecht!
Jetzt fahre hin, du gute Ruh!
Geh, Grete, mach das Fenster zu!
Sie kommen, die Jesuiten!

Von Kreuz und Fahne angeführt,
Den Giftsack hinten aufgeschnürt,
Der Fanatismus als Profoß,
Die Dummheit folgt als Betteltroß:
So kommen die Jesuiten!

O Schweizerland, du schöne Braut,
Du bist dem Teufel angetraut!
Ja, weine nur, du armes Kind!
Vom Gotthard weht ein schlimmer Wind –
Sie kommen, die Jesuiten!

Gottfried Keller, Jesuitenlied[1]

Klingt doch fast wie wenn PI über “Musels” schreibt. ;-)


  1. Quelle: Gottfried Keller: Sämtliche Werke in acht Bänden, Band 1, Berlin 1958–1961, S. 129-130. Lizenz: Gemeinfrei
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